Weihnachten in Soweto – Bescherung bei 28 Grad

Heute ist Heiligabend. Ich bin von Thuli Khumalo und Ralf Bierman zur Weihnachtsmesse nach Soweto eingeladen worden. Das Ehepaar betreibt seit zwei Jahren die einzige deutschsprachige Stadtführung in Johannesburg. Ihr Unternehmen ATAMELA („zusammenführen“) hat sich als Ziel gesetzt, europäischen Touristen ungeschminkt die Lage der schwarzen Mehrheitsbevölkerung näher zu bringen.

Ein Fremder in der Fremde

Es ist 18 Uhr, als wir am Baragwanath-Krankenhaus, dem größten Hospital der südlichen Hemisphäre, vorbeifahren. Die Außentemperatur beträgt etwa 28 Grad. Seit gut zwanzig Minuten befinden wir uns auf der Old Potchefroom Straat, der einzigen Straße, die das eigentliche Johannesburg mit dem größten Township Süd Afrikas verbindet. Erst jetzt fällt mir auf, dass wir schon längst in Soweto sind, und den Millionen-Stadtteil gerade durchqueren. Die Regina Mundi Roman Catholic Church, unser Ziel am heutigen Heiligabend, liegt etwa drei Kilometer von hier entfernt. Die Klimaanlage im VW Bus des Ehepaars, das mich nach Soweto eingeladen hat, läuft auf Hochtouren, während mich die aggressiven Sonnenstrahlen blenden, die durch die Windschutzscheibe dringen. Einen Augenblick muss ich an meine Sonnenbrille denken. Ich habe sie in Hurlingham, der 15 Kilometer entfernten „gated community“, in der ich seit meiner Ankunft wohne, liegen lassen.

Aus der hinteren Reihe des Kleinbusses weist uns hin und wieder eine aufgeweckte Stimme auf Sehenswürdigkeiten oder Besonderheiten des jeweiligen Stadtteils hin. Diese Stimme gehört Tulis Mutter, Nomavenda Mattiani. Die dynamische Dame ist eine renommierte Journalistin und Freiheitskämpferin in diesem Land. Als die erste schwarze Journalistin des neuen Post-Apartheid Südafrikas, verkörpert sie selbst ein Stück Geschichte. Obwohl sie nicht in dieser Stadt geboren wurde, ist Soweto wie ihre zweite Heimat. Auch sie ist durch die Dramen gezeichnet, die diese symbolträchtige Stadt geprägt haben. Mattiani ermöglicht Einblicke, dank denen ein wenig das Gefühl verschwimmt, ein Voyeur, ein Fremdkörper in dieser Stadt zu sein. "This is the african part of Johannesburg" sagt sie stolz und fährt munter mit ihren informativen Kommentaren fort. Während ich ihrem Finger folge, fallen mir allerdings ganz andere Besonderheiten auf.

Im Gegensatz zum Johannesburger Stadtzentrum tummeln sich hier viele Menschen geschäftig auf den Bürgersteigen. Überwiegend junge Mütter mit ihren Säuglingen, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Viele von ihnen scheinen es eilig zu haben. Manche stehen in kleinen Gruppen an einer Hauswand oder im Schatten eines Baumes und unterhalten sich lebhaft. Andere wiederum spielen für mein Empfinden gefährlich nahe

an der Straße Fußball. Wer auf die andere Straßenseite möchte, verlässt sich hier scheinbar auf sein Reaktionsvermögen, obwohl an der Kreuzung etwas weiter vorne eine Ampel steht. Verglichen mit Sandton, dem Central Business District Johannesburgs, hat dieser Stadtteil einen öffentlich sichtbaren Rhythmus. Ich meine sogar beim Anblick so vieler junger Menschen eine gewisse Lebensfreude erkennen zu können, die ich seit meiner Ankunft in Johannesburg vermisst habe. Hier spielt sich das Leben auf der Straße ab, während in Sandton, 15 Kilometer entfernt, die Menschen den eher im Westen typischen "Métro-Boulot-Dodo"- (U-Bahn-Job-Schlafen)-Tagesablauf haben.

ÖPNV Fehlanzeige

Der wesentliche Unterschied zur europäischen Großstadt liegt darin, dass dieser metropolengroße Wohnort trotz der circa vier Millionen Einwohner keine öffentlichen Transportmittel zur Verfügung stellt. Es gibt zwar Sammeltaxen, die alle 500 Meter anhalten um Passanten mitzunehmen. Aber diese praktischen Minibusse werden von keinem zentralen Apparat verwaltet. Zumindest lässt nichts auf eine solche Organisationsform schließen. Es scheint sich bei diesen zahlreichen Bussen um einen Dschungel von Ich-AG's zu handeln. Und so fahren sie auch. Zwischen den Taxen herrscht das Gesetz des Schnelleren. Es ist wirklich atemberaubend zu sehen, mit welchen Geschwindigkeiten diese Busse, vollbeladen mit Gepäck und mit zehn bis zwölf Passagieren besetzt, andere Fahrzeuge drangsalieren und überholen. Als ich Frau Matthiani frage, weshalb die Regierung sich des Problems nicht annimmt, erklärt sie, dass es zwar seit mehreren Jahren Pläne dafür gäbe, dass aber die ganze Geschichte zu teuer wäre und dass aufgrund der hohen Kriminalitätsrate damit ein neues Sicherheitsmoment entstehen würde.

Während ich die Handzeichen derer, die von einem solchen Fahrzeug mitgenommen werden wollen, zu interpretieren versuche, sucht mein Auge vergeblich nach den sogenannten informellen Verkaufständen am Straßenrand. Überall sonst in schwarzafrikanischen Großstädten bieten diese an jeder Straßenecke allerlei Essbares – in der Regel gebratene Kochbananen, Erdnüsse, geröstete Fleischstäbchen oder Maiskolben. Womöglich müssten wir etwas tiefer in diesen Stadtteil eindringen, um solche Szenen zu sehen. Vielleicht sind die Verkäufer am heutigen Weihnachtsabend alle zur Kirche unterwegs. Ich weiß es nicht. Eine plötzliche Vollbremsung reißt mich aus meinen Gedanken. Trotz des grünen Lichts des Robots – so werden hier Ampeln genannt – hat drei Fahrzeuge vor uns ein Wagen so abrupt gebremst, dass der bereits schleppende Verkehr jetzt nur noch im Stakkato vorwärts kommt. Mein Gastgeber blickt leicht gereizt auf seine Uhr und trommelt ungeduldig mit den Fingern auf das Lenkrad. „Schon wieder eines dieser Sammeltaxen. Man muss einfach an denen vorbeifahren, wenn die anhalten. Man darf nur nicht stehen bleiben. Wir kommen zu spät zur Messe", sagt er.

Berufseinstieg mit unüberwindbaren Komplexen

Das letzte Stück der Strecke bis zur Kirche haben wir jedoch freie Fahrt, so dass sich die Atmosphäre trotz der Verspätung etwas auflockert. Einige hundert Meter vor unserem Ziel passieren wir ein verhältnismäßig imponierendes Gebäude mit einer Inschrift am Eingang, die mich etwas überrascht. Der Komplex zu unserer Linken ist tatsächlich eine Universität. Frau Matthiani reagiert spontan auf meinen fragenden Blick und klärt mich auf. Es handelt sich um die 1983 gegründete VISTA Universität. Unter anderem werden hier Jura und einheimische Sprachen gelehrt. „Wer hier studiert, tritt jedoch oftmals mit unüberwindbaren Komplexen in die Berufswelt ein." Matthianis Bemerkung macht mich etwas stutzig. Natürlich ist mir klar, dass auch diese Hochschule wie alle anderen Bildungseinrichtungen Südafrikas an das 1953 verabschiedete "Bantu Education Act" -Bantu Erziehungs-Gesetz- gebunden war. Dieses, unter Federführung des Rassisten und verstorbenen Regierungschefs Hendrik Verwoerd erdachte System sah für Bürger schwarzer Hautfarbe einen ungerecht konzipierten Bildungsinhalt vor. Erziehung und Ausbildung, so Minister Verwoerd, sollten bei den schwarzen Menschen Südafrikas keine falschen Erwartungen wecken. Für sie sollte es in der Gemeinschaft der Europäer keinen Platz oberhalb bestimmter Formen körperlicher Arbeit geben. Aber stimmt es denn nicht, dass es seit Mandelas Regierungsantritt im Mai 1994 mit dem rassistisch bestimmten diskriminierenden Bildungssystem vorbei ist? Als ich Frau Matthiani direkt darauf anspreche, erläutert Sie nachdenklich: „Das Gesetz mag sich geändert haben und heute mögen wir Schwarzen auch das gleiche Recht auf Bildung und Wissen haben, ein Teil der Hochschullehrer jedoch stammt noch aus früheren Zeiten. Der Stoff mag sich geändert haben, aber diejenigen die ihn vermitteln, hinken in mancher Hinsicht noch den neuen Entwicklungen und Standards hinterher."

Als wir um Viertel nach Sechs in der Kirche ankommen, beginnt soeben der Gottesdienst. Wir sind also nicht ganz so spät, wie wir angenommen hatten. Zügig und lautlos bewegen wir uns auf die Sitzreihe in der Mitte des Schiffs zu. Der Raum ist höchstens zu einem Drittel besetzt. Und das an Heiligabend. Merkwürdig. Später erfahre ich, dass es im Laufe des Tages bereits einen Gottesdienst gegeben hat, und dass höchstwahrscheinlich die meisten Familien den früheren Termin bevorzugt hätten, um am Abend für die abendlichen Feierlichkeiten kochen zu können. Außerdem sei hier der 25. Dezember der weihnachtliche Kirchentag.

Die Weihnachtsgeschichte auf Zulu

Wir setzen uns in die elfte Reihe. Obwohl die Predigt in Zulu gehalten wird, und ich außer den Worten Jesu Christu, Halleluja und Amen gar nichts verstehe, spüre ich schnell dieses in Kirchen typische Gefühl der Geborgenheit. Allerdings schweift mein Blick nach einiger Zeit vom Priester hin zur Uhr, die unter dem Gewölbe hängt. Die Zeit vergeht schnell. Wir sind bereits seit einer halben Stunde hier. Dass die Zeit zu fliegen scheint, liegt sicherlich am abwechslungsreichen Prozess des Gottesdienstes. Der Priester, in einem weißen, mit afrikanischen Mustern bestickten voluminösen Umhang liest aus der Bibel vor, schließt jedes Gebet mit dem Wort Amen und übergibt dann einem stimmgewaltigen Chor das Wort. Die gesamte Kirche singt mit. Auch die Lieder werden auf Zulu vorgetragen. Manchmal muss beim Singen aufgestanden werden, manchmal bleiben alle sitzen. Danach predigt der Priester erneut. Dieser Ablauf wiederholt sich einige Male, allerdings immer mit einer leichten Veränderung. Da ich nicht weiß, wie ich mich zu verhalten habe, entschließe ich mich kurzerhand Frau Matthiani als Orientierung festzulegen. Ich mache alles nach, was sie macht. Trotz meiner Bemühungen fällt meine Unsicherheit einigen amüsierten Kirchengängern auf. Hin und wieder lächelt mich sogar eine ältere Dame ermutigend an und gibt mir mit einem Nicken zu verstehen, dass ich mich wohl ganz wacker schlage.

Ich ertappe mich zwischendurch dabei, wie ich etwas geistesabwesend die Einrichtung und andere Anwesende mustere. Die Kirche ist sehr schlicht eingerichtet. Es sind keine prunkvollen Ornamente oder imposante Säulen zu sehen. Auch ragt keine dominante Kanzel über den Köpfen der Betenden. Nur die Absperrung zum Podest des Priesters und das Altar selbst sind aus Marmor. Das meiste hier ist aus einfachem Holz. Nach einigem Suchen finde ich in der hölzernen Decke auch die zwei Einschusslöcher von denen mir Tuli ausführlich erzählt hat. „Diese Kirche war ein wichtiger Versammlungsort für uns während der Apartheid. Wir haben regelmäßig hier gebetet, gesungen und protestiert. Oft wurden wir mit Tränengas aus der Kirche geräuchert und wie eine Herde von den Polizisten über die ganze Anlage der Kirche gehetzt. Wir rannten um unser Leben und sprangen über die Zäune. Manche haben es nie nach Hause geschafft. Einmal sind Soldaten in die Kirche gekommen. Dort haben sie dann ein Stück der Marmorplatte des Altars mit dem Gewehr beschädigt und "Warnschüsse" in die Luft gegeben." Vor Panik hätten viele dann versucht, durch eine kleine Seitentür nach außen zu gelangen. Die Kirche sei danach sehr beschädigt gewesen. Das Meiste ist seither repariert worden. Nur die wichtigsten Zeichen für das was hier passiert ist, wurden als Zeugnis der schmerzvollen Vergangenheit für die kommenden Generationen erhalten.

Grausame Verfolgung bis ins Gotteshaus

Zwei Reihen vor mir sitzt eine Mutter mit ihrem unruhigen Säugling. Hin und wieder schreit er ganz laut auf oder zieht an ihren Zöpfen. Ein anderes Kind läuft während eines stillen Gebets barfüßig die Kirchengänge auf und ab, so dass man die leisen Klatschlaute hört, die ihre Fußsohlen in Kontakt mit dem Zementfußboden machen. Schräg gegenüber, an der Seite des Schiffs, sitzen etwas über ein Dutzend älterer Damen. Eine übergewichtige ergraute Dame fällt mir auf. Vor ihren Füßen liegen zwei Krücken. Sie muss um die neunzig Jahre alt sein. Trotz ihres trüben, verträumten, ja fast abwesenden Blickes spricht sie jedes Wort des Pfarrers mit ihrem zahnlosen Mund innig nach. Sie singt jedes Lied, das der Chor einleitet mit, ohne auch nur einen Blick in Ihre aufgeschlagene Bibel oder in das rote Gesangbuch zu werfen. Auffallend viele der Anwesenden scheinen die Gebete und Passagen der Bibel, die der Pfarrer rezitiert und vorliest auswendig zu kennen. Ich muss an eine weitere Bemerkung Thulis denken: „Wir schwarzen Südafrikaner hatten nichts. Und wenn wir etwas besaßen, dann war es der tief verwurzelte Wunsch nach einer besseren, gerechteren Zukunft. Die Menschen wurden auch aus diesem Grund sehr religiös . Da wir vergebens alles irdisch Mögliche versucht hatten, um dem Joch des Rassismus zu entkommen, mussten wir uns letztlich an Gott wenden."

Während meine Gedanken um die schmerzvollen Erfahrungen dieser leiderprobten Stadtbewohner kreisen, finde ich noch mehr Symbole in der Kirche, die verdeutlichen, welche Rolle das Gotteshaus für die Identitätsbildung ihrer Gemeinde gespielt haben muss. Hinter dem Altar hängt eine große Schwarzweiß-Zeichnung. Vier aussagekräftige Symbole sind in diesem Bild vereint dargestellt. Aus der Entfernung scheint es sich um eine Abbildung Mutter Theresas zu handeln. Sie steht neben einem schwarzen Mann mit Afro-Frisur und gehobener Faust. Über den beiden schwebt die Friedenstaube und im Hintergrund ist deutlich eine Pyramide zu sehen. Vielleicht ist es auch nicht Mutter Theresa sondern die Heilige Maria, Jesus‘ Mutter. Vielleicht handelt es sich bei dem Schwarzen um Steve Biko, dem Begründer der Black Consciousness Bewegung, der im Kampf gegen die Apartheid umgebracht wurde. Ganz genau vermag ich das von meinem Sitz aus nicht zu erkennen. Die Pyramide und die in die Luft gestreckte Faust sind eindeutig Symbole, die afrozentrierte Bewegungen, sowohl aus der Diaspora als auch auf dem Kontinent oftmals für sich vereinnahmten. Einerseits verweisen sie damit auf ihre historische und kulturelle Identität, andererseits machen sie damit ihr Selbstbewusstsein und ihren Widerstand gegen Unterdrückung deutlich. In der Ecke rechts hinter dem Pult, von dem aus der Priester seine Predigt hält, hängt ein weiteres Gemälde. Diesmal ist es unverkennbar eine heilige Madonna vor dunkelblauem Hintergrund. Der goldene Heiligenschein, das Kind auf ihrem Arm, alles hier Abgebildete ist ganz gewöhnlich. Alles bis auf die Hautfarbe, der sonst immer mit europäischen Zügen abgebildeten Protagonisten. Die heilige Maria und ihr Kind sind in dieser Kirche schwarz. Dem gegenüber, in der linken Ecke, ist eine aus der Wand ragende Büste. Auch diesmal handelt es sich um die heilige Maria, wenn auch ohne Kind. Sie betet andächtig mit leicht gesengtem Kopf und zusammengelegten Händen. Diesmal trägt sie europäische Züge. Unter dieser Büste, auf der mit goldenen Girlanden geschmückten Absperrung zum Altar, schwenkt, wahrscheinlich seit dem Beginn der Messe, ein etwas tollpatschig wirkender Plastikweihnachtsmann mechanisch eine elektrische Kerze. Die unbeholfene Bewegung soll wohl einen alle umarmenden Santa Claus darstellen. Zu seinen Füßen stellt eine aufwendig und liebevoll aufgebaute Truppe von Holz- und Kunststoffpuppen die Geburt Christi dar. Ein Tuch auf dem eines der legendären Zuluschilder, Symbol des historischen Widerstands gegen die europäischen Invasoren, abgedruckt ist, dient als Hintergrundkulisse und Panorama für die Krippe.

Den restlichen Abend muss ich über diese einzigartige Gleichzeitigkeit von afrikanischen und europäischen Symbolen Nachdenken. Dieses Spektakel, Resultat kultureller Globalisierung und des Zusammenspiels von Vergangenheit und Gegenwart, hat etwas zutiefst befremdendes . Hier in einer Kirche mitten in Soweto finde ich endlich, wenn auch in äußerst plakativer Darstellung, Elemente jener Landesweit beschworenen Regenbogennation wieder. Eine selbstverständliche Vernetzung europäischer und afrikanischer Symbole. Womöglich sieht so der Beitrag der Kirchen zur Versöhnung in diesem nach wie vor zutiefst gespaltenen Land aus.

von Naakow Grant-Hayford
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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 0:57