Auf den Geschmack der Heimatreise kommen

Was bedeutet „Tourismus“? Unter diesem Stichwort versteht heute wohl die Mehrheit der Gesellschaft Begriffe wie Sonne, Strand, Berge, Entspannung, Ferne. Und meistens suchen viele der heutigen „Touris“ eben diese Dinge vor allem auch im Ausland. Doch halt: denn erstens bedeutet Tourismus auch Suchen und Entdecken, Staunen und Bilden. Zweitens ist Deutschland selbst reich gesegnet mit Orten und Attraktivitäten für neugierige Entdecker. Und nicht zuletzt suchen gerade deutsche Touristen die interessantesten und alternativsten Ziele im Ausland – warum nicht auch daheim?

Der Anfang ist im Süden

Tourismus ist uns Menschen schon seit eh und je bekannt. In Griechenland und Rom sind die ersten quasi “Touristen” erschienen. Erste Reisende waren selbstverständlich Abgeordnete, Kaufleute und alle Prominenten , die genug Geld besaßen, um zu reisen. Im Mitellalter reisten vor allem Pilger, deren Reisen sogar ein paar Jahre dauern konnten. Das kann man als ersten Massentourismus bezeichnen. Ein bedeutsames Ereignis war die mehrjährige Reise von Marco Polo nach China, die im Jahr 1241 begann. Im fünfzehnten Jahrhundert fing der Mensch an, andere Länder zu besuchen und zwar entdeckte im Jahr 1492 Columbus den amerikanischen Kontinent, was eins von den größten Ereignissen natürlich nicht nur im touristischen Sinne, aber auch für die ganze Menschheit war.

Im Späten Barock ist die Kutsche endeckt worden, was die Dauer der Reisen erheblich verkürzte. Leider war dieses Verkehrmittel nur für obere Schichten verfügbar, beispielsweise für Aristokraten. Dann kam das XIX Jahrhundert, das als eine goldene Epoche für den Tourismus genannt worden ist. Die Eisenbahn verbreitete sich. Das ist die Zeit von großer industrieller Revolution, die alle Bereiche der Wirtschaft belebte. Die Mentalität der Menschen veränderte sich. Sie wollten immer mehr wissen und reisen, um andere Länder, Kulturen und Mentalitäten kennenzulernen. In der zweiten Hälfte des 19 Jahrhunderts ist ebenfalls der Moment, als die Geschäftsleute bemerkten, daß Tourismus auch ein gutes Geschäft sein konnte. Im Jahr 1880 entstand das erste Reisebüro in England. Der Besitzer hieß James Cook. Im Zeitraum zwischen den Kriegen sind soziale Reisen vor allem für Kinder entfaltet worden. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bezeichnete man schon als Jahre des Internationalen Tourismus.

Das Lernbuch, Sonnenbrillen und Bibel

Relevant ist es sich selber eine Frage zu stellen: warum eigentlich reisen wir? Was regt uns an, damit wir unsere gewohnte Umgebung verlassen wollen?

Die touristischen Zwecke sind unterschiedlich. Vor allem assoziiert man Tourismuszwecke mit Erholung, schönem Urlaub oder Sommerferien. Dazu muss man noch hinzufügen, daß man reist um zu besuchen. Viele junge Leute, und nicht nur sie, reisen um sich zu entwickeln, beispielsweise durch das Studium, verschiedene Sprachkurse, Forschungsreisen usw.. Hinzu kommt eine ganze Reihe von Menschen, die Geschäfte machen. Schließlich wird die Religion, also die Pilgerreise auch als touristicher Zweck bezeichnet.

Jeder profitiert

Der Tourismus ist für Deutschland ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Insbesondere für Regionen, die industriell schwach entwickelt sind und in größerer Distanz zu den Industrie- und Dienstleistungszentren liegen, kommt den Einnahmen aus dem Fremdenverkehr eine große Bedeutung für die Sicherung von Arbeitsplätzen und der Erhaltung und Förderung der regionalen Wirtschaftskraft zu. Vom Tourismus profitieren vor Ort nicht nur das Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe, sondern zum Beispiel auch der Einzelhandel und verschiedene Dienstleistungsanbieter.

Ferienstrassen: das zieht an!

Eine in Deutschland sehr gut entwickelte touristische Form sind die sogenannten Ferienstrassen. Es entstanden in Deutschland verschiedene solcher Routen, die zu guten und interessanten touristischen Motiven geworden sind. Insgesamt gibt es in Deutschland ca. 150 Ferienstraßen und -routen, die entweder landschafts- oder themenbezogen sind. Zahlreiche dieser touristischen Strecken wurden entlang historischer Trassen gelegt, die schon in früheren Jahrhunderten als Handels- und Armeestraßen genutzt wurden. Vielen dieser Ferienstraßen ist auch heute noch die kulturhistorische Thematik gemeinsam. Sie dehnen sich entlang besonders attraktiver Landschaften aus.

Die älteste Ferienstraße wurde im Jahr 1927 gegründet, die Deutsche Alpenstraße. Die meisten Ferienstraßen wurden nach 1946 vor allem in den alten Bundesländern geschaffen. Im Jahr 1950 entstand die Romantische Straße sowohl für Deutsche als auch verstärkt für ausländische Besucher, bis heute die im Ausland bekannteste deutsche Ferienstraße. Auch die Deutsche Märchenstraße und die Burgenstraße sind weltweit bekannt.

Hessische Perlen

Die "Deutsche Fachwerkstraße" dehnt sich auf 2000 Kilometern durch Niedersachsen,

Sachsen-Anhalt, Thüringen, Hessen und Bayern aus und bietet eine Kombination aus Kultur, Geschichte, Freizeit und Erholung. Das, was an dieser Bauart fasziniert, ist nicht nur Ästhetik, sondern es sind ebenfalls ökologische Aspekte. Der Abschnitt von Stade bis nach Alsfeld entstand als erster der acht verschiedenen Regionalstrecken. Eine Reise, die uns die malerischen Landschaften Niedersachsens nahe bringt und für ihre jahrhundertealte Handels- und Bautradition steht. Attraktionen der "Deutschen Fachwerkstraße" sind die Touren unter anderem von Biedenkopf bis Hochheim am Main und von Trebur bis Reichelsheim. In Biedenkopf gestartet, durchqueren wir das obere Lahntal, umrandet von waldreichen Bergen. Die Reise beinhaltet u.a. eine Visite Dillenburgs, der Geburtsstadt des Wilhelm von Oranien und ehemaligen nassauischen Residenzstadt, wie auch Wetzlars, dem Schauplatz von Goethes "Die Leiden des jungen Werther" und Standort von prunkvollen Fachwerkhäusern und Barockbauten. Die durch den Odenwald verlaufende Etappe von Trebur bis Reichelsheim lässt die Geschichte der Nibelungen nachvollziehen. Eine Regionalstrecke, die neben mittelalterlicher Burgenarchitektur, Schlossbaukunst und Fachwerkornamentik die reizvollen Landschaften Südhessens bietet.

Das beste ist, dass die ganze Geschichte sich vor unserer Türe abspielt, da Marburg relativ zentral liegt. Der Rucksack ist rasch gepackt, die gute Karte in der Bücherei gleich um die Ecke und die Kamera braucht auch nichts weiter als einen oder zwei neue Filme. Und so wird das alternative Naheliegende schnell zum bereicherndem Entdeckten.

 

von Katarzyna Barcik
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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 0:55