Tempel, Wolkenkratzer und Garküchen

- Eine Reise nach Taiwan -

Die hohen Berggipfel des Zentralen Berglands, die aus der dichten Wolkenschicht ragten, waren das erste, was wir von Taiwan sahen. Im Anflug auf Taipeh tauchten wir schließlich in die Wolken ein, so dass wir beim Landen fast das Gefühl hatten, wieder im trüben November-Frankfurt anzukommen, wo wir 14 Stunden vorher losgeflogen waren. Bis zum Aussteigen – denn ab da war dann doch irgendwie alles ganz anders. Zu den Formalitäten, die bei der Einreise erledigt werden müssen, gehörten hier nicht nur Passkontrolle und Zoll, sondern auch eine Art Gesundheitscheck: die Angst vor SARS – in Deutschland schon lange wieder aus den Nachrichten verschwunden – war in Taiwan noch überall zu bemerken. Alle Ankömmlinge mussten zuerst die Körpertemperatur messen lassen und einen Fragebogen zum Gesundheitszustand ausfüllen. Wir bestanden und konnten uns also in die Millionenmetropole Taipeh stürzen.

Taipeh: Modernes Großstadtflair....

Taipeh hinterließ bei mir den Eindruck einer lebhaften und auch etwas chaotischen Großstadt, die eine bunte Mischung aus chinesischer Tradition sowie japanischen und modernen westlichen Einflüssen aufweist. Durch und durch modern ist der Bereich um den „101“ („ One-O-One“, siehe Foto 1 ), das neue Wahrzeichen Taipehs, das als das derzeit höchste Gebäude der Welt Schlagzeilen macht und kurz vor der Fertigstellung steht. Es ist über 500 Meter hoch und beherbergt 101 Stockwerke (daher der Name). Unten im Gebäude befindet sich ein bereits geöffnetes Nobelkaufhaus – mit einer ganzen Etage, die ausschließlich Designerklamotten von Gucci, Versace, Armani und anderen bietet. Rund um den 101 befindet sich ein neues, modernes Geschäftsviertel mit Kaufhäusern und einem großen Warner -Kinozentrum. Dort konnten wir außerdem importierte westliche Vorweihnachtsstimmung in Form eines riesigen Weihnachtsbaums und amerikanischen Weihnachtsliedern erleben.

Chinesische Tradition....

Inmitten moderner Straßenzüge und zwischen Hochhäusern finden sich nicht selten Tempel und Schreine in verschiedenen Größen und Ausrichtungen (buddhistisch, taoistisch und konfuzianisch). Angesichts der farbenfrohen Verzierungen und der typisch nach außen gebogenen Dächer zückt man als westlicher Besucher nur zu gern die Kamera. Bei der Besichtigung war nichts von der ehrfürchtigen Stille zu bemerken, die man von europäischen Kirchen kennt; vielmehr konnte man die Einheimischen bei der Meditation und Opfergabe beobachten, ohne dass sie sich von Touristen oder Verkehrslärm gestört fühlten.

Ganz im traditionellen Baustil gehalten sind auch neue Gebäude, die zum Beispiel Theater oder Museen beherbergen. Besonders repräsentativ ist die Gedächtnishalle zu Ehren von Chiang Kaishek ( siehe Fakten ) inmitten einer weitläufigen Parkanlage, in der der Besucher auch eine Nachbildung seines Amtszimmers inklusive Wachsfigur in Lebensgröße zu sehen bekommt.

Eben diesem Chiang Kaishek haben die Taiwaner heute die umfangreiche Sammlung von Kunstschätzen aus ganz China zu verdanken, die in Wechselausstellungen im riesigen Nationalen Palastmuseum zu sehen sind – andernfalls würde nicht alles in den Ausstellungsräumen Platz finden. Diese Museumsanlage ist ebenfalls im traditionellen Stil erbaut und das Vorzeigemuseum Taiwans schlechthin. Als ich einmal ein kleineres historisches Museum besuchte, wies mich ein einheimischer Besucher darauf hin, dass ich doch lieber in das Palastmuseum gehen sollte, da es dort viel bessere Dinge zu sehen gebe. Ich versicherte ihm, dass ich das Palastmuseum bereits gesehen hatte und es natürlich sehr beeindruckend fand, dass mich jedoch auch das kleine Museum interessierte. Er fühlte sich daraufhin verpflichtet, mir zu der kleinen Ausstellung viel zu erklären, so dass ich zu einer interessanten Privatführung kam – die chinesische Geschichte komprimiert in einer Stunde.

Ursprüngliche Geschäftsviertel....

Einen ganz anderen Aspekt Taipehs bekam ich in den älteren Vierteln der Stadt zu sehen: enge Straßen mit Reihen von kleinen Läden, die verschiedenste Waren anboten – sehr duftintensive getrocknete Meeresfrüchte und Teesorten. An den zahlreichen Garküchen und mobilen Snackständen konnte man sich schnell und preiswert satt essen – ich wusste zugegebenermaßen nicht immer, was ich gerade aß, aber meistens schmeckte es sehr gut. Sehr interessant waren auch die Nachtmärkte, die nach Anbruch der Dunkelheit öffnen und von Plastikbuddhas über Jadefiguren bis zu frischem Schlangenfleisch alles Mögliche anbieten. Der Handel nimmt traditionellerweise einen wichtigen Platz ein, ich fand kaum eine Straße ohne Geschäfte oder zumindest Händler, die mit fahrbaren Ständen unterwegs waren und ihre Waren auch gerne mal lautstark anpriesen.

...und viel Verkehr

Geschäftiges Treiben herrschte auf den Straßen, besonders beliebt sind Mopeds, die man an Ampeln immer in größeren Ansammlungen zu sehen bekommt. Bei der Überquerung der Straßen sollte man die Augen offen halten, denn eine grüne Fußgängerampel bedeutet nicht, dass nicht doch einige Autos oder Mopeds den Weg kreuzen. Nach einer gewissen Zeit bekommt man jedoch einige Routine und kann sich wieder vollends auf die Sehenswürdigkeiten konzentrieren.

Mit Hilfe der Metro (MRT), die erst seit einigen Jahren existiert und bestens gepflegt wird (Essverbot!), kam ich einfach von Ort zu Ort, zumal die Stationen ganz touristenfreundlich sogar zweisprachig angesagt werden.

Eine Ausländerin in Taipeh oder: „Hello!“

In Taipeh, wo ich häufig alleine unterwegs war, ist man als blonde Frau mit blauen Augen relativ leicht als Fremde zu erkennen – eine Situation, die man in dieser Form nicht allzu oft erlebt. Da man generell nicht viele westliche Ausländer sieht, fiel ich in der Metro, im Bus, in Geschäftsstraßen grundsätzlich auf und zog neugierige Blicke auf mich. Die Reaktion der Einheimischen war meist sehr positiv – selten wurde ich von völlig Fremden so häufig mit einem freundlichen „Hello!“ gegrüßt, und gerne probierte der eine oder andere seine Englischkenntnisse an einer echten Ausländerin aus. Sehr hilfsbereit erwiesen sich die Leute, wenn ich nach dem Weg fragte – mangelnde Sprachkenntnisse (auf beiden Seiten) hatten nie mangelnde Hilfsbereitschaft zur Folge, ganz im Gegenteil. Als Ausländer in einer fremden Umgebung kommt man häufig in Situationen, in denen man sich nicht auskennt oder einfache Alltagsabläufe nicht kennt. So standen wir mitten in der Rush Hour in einem sehr vollen Kaufhaus, wollten eine Kleinigkeit für umgerechnet ein paar Euro kaufen und hielten den Verkehr auf, weil wir erst die Bezahlungsmethodik herausfinden mussten. Die drei anwesenden Verkäuferinnen, die nur Chinesisch sprachen, taten ihr Bestes, um uns klarzumachen, wohin wir mit welchem Zettel gehen sollten, alles wie gewohnt sehr freundlich und bemüht, bis wir es verstanden hatten. Man stelle sich dieselbe Situation in deutschen Kaufhäusern vor. Oder doch lieber nicht?

Natur und Stille: Nationalpark Taroko-Schlucht

Nach ein paar Tagen im lebhaften Taipeh waren wir reif für ein Kontrastprogramm im Nationalpark Taroko im nördlichen Zentralen Bergland von Taiwan. Dorthin fuhren wir mit dem Zug, eine wunderschöne Strecke an der Nord- und Ostküste Taiwans entlang, auf der man eine tolle Aussicht auf die klippenreiche Küste und den Pazifik hatte, alles bei Sonnenschein. Das gute Wetter blieb uns auch erhalten, als wir unseren Ausgangsort erreichten, von dem aus wir die 18 Kilometer durch die Schlucht bis zu unserer Unterkunft wandern wollten. Schon regte sich leise der Verdacht, dass wir vielleicht doch zu warme Klamotten eingepackt hatten, denn wir hatten mit ein paar kühlen Tagen im Bergland gerechnet. Wie auch immer, ein T-Shirt musste eben reichen.

Unser Wanderweg war die reguläre Autostraße, die uns vom Reiseführer empfohlen worden war. Das landschaftliche Drumherum war wirklich atemberaubend, schmale, hohe und grüne Berge, die tiefe Schlucht mit blaugrünem Wasser und weißen Felsen. Für die einheimischen Ausflügler, die per Auto oder Moped unterwegs waren, bot sich noch eine zusätzliche Attraktion: zwei westliche Touristinnen mit komischen Haarfarben, die auch noch schwer bepackt wanderten (nicht direkt ein Volkssport in Taiwan). Dass wir das freiwillig taten, versicherten wir ihnen so auch einige Male, denn dann und wann hielt ein Mitleidiger an und bot uns an, mitzufahren. Unser Zielort Tianxiang war tatsächlich ein echter Kontrast zu Taipeh: eine Bushaltestelle, eine buddhistische Nonnenklosteranlage ( siehe Foto ), drei Hotels und drei Schnellküchen, die nach Einbruch der Dunkelheit gegen 5 Uhr nachmittags auch bald schlossen. Als Ausgangspunkt für Wanderungen z.B. zu den beliebten heißen Quellen war Tianxiang bestens geeignet. Es gab sogar einige Wanderwege durch kleine Höhlen und an der Schlucht entlang, flaniert von Bambus, Palmen und (wild wachsenden) Weihnachtssternen, die uns sehr vage daran erinnerten, dass in Deutschland ja gerade winterliche Vorweihnachtszeit herrschte. Abends herrschte absolute Stille, da dann auch keine Autos mehr unterwegs waren - nur Grillen waren von draußen zu hören, während in der einfachen Unterkunft irgendwelche kleine Insekten friedlich auf ihrer Straße in der Zimmerecke entlang wanderten.

Nach knapp zwei Wochen Aufenthalt hieß es leider wieder Abschied nehmen. Zurück bleiben viele neue Eindrücke und die Gewissheit, dass Taiwan mit seinen Menschen, der Kultur und der abwechslungsreichen Natur sicherlich einen zweiten Blick wert ist. 

Taiwan – Fakten in Kürze

Im 16. Jahrhunder als „ Ilha Formosa “, die „ schöne Insel“ , entdeckt. Ab 1683 unter chinesischer Herrschaft, 1895-1947 japanisch, danach zunächst wieder chinesische Provinz. 1949/50 Rückzug des Präsidenten der Republik China, Chiang Kaishek, und circa zwei Millionen Anhänger mitsamt aller Goldvorräte und Kunstschätze nach Taiwan vor den Kommunisten unter Mao ZeDong. Seitdem Selbstverständnis als Exilregierung Chinas („Republik China auf Taiwan“), keine offizielle Unabhängigkeitserklärung, somit auch keine internationale Anerkennung als Staat. Ausschluss aus der UNO 1971/72 zugunsten der VR. Einwohner heute: über 22 Mio.

 

Informationen im Internet:

www.roc-taiwan.de (auf Deutsch)

www.tbroc.gov.tw.

 

Karen Zhube-Okrog

 

Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2004-05-31 15:20