30 Jahre Uni- Leben

-Ein Interview mit Prof. Frank Deppe-

Ein neues ( Un- ?) Wort geistert durch Deutschland: Elite-Universitäten. Sogar gleich mehrere sollen in Deutschland entstehen. International wettbewerbsfähig sollen sie sein, man spricht von „Harvard an der Elbe“ und „Stanford am Rhein“. Gleichzeitig tauchen aber immer mehr Modelle für Studiengebühren auf. Und im Hinterkopf haben wir unseren Marburger Streik gegen die Einführung jener Studiengebühren.

Dies sind einige der Themen, über die wir mit Professor Frank Deppe vom Institut für Politikwissenschaft am 28.1.04 sprachen.

 

Elite- Selektion

Welches Ziel verfolgt die Bundesregierung mit der Einführung der Elite-Universitäten?

Prof. Deppe sieht dieses Projekt als einen „Bestandteil der allgemeinen Politik der SPD und der rot-grünen Bundesregierung“. Der Kern der gesamten Reformpolitik sei, die Bundesrepublik ökonomisch wettbewerbsfähig in der globalen, kapitalistischen Konkurrenz zu machen. Die Hoffnung, dass durch die Realisierung dieser Maßnahmen die Konjunktur und Wirtschaft in Deutschland wieder anspringt, hält Prof. Deppe für falsch. Er glaubt nicht, dass dieses Ziel von der Hartz-Reform oder der Agenda 2010 - allgemeiner durch eine neoklassische Wirtschaftspolitik - erreicht werden kann.

„Die Regierung will die Universitäten noch weiter öffnen, will ein 6-semestriges, total verschultes Studium für die Eingangssemester – damit, und mit dem Übergang zum MA- Studium, fängt die Elite-Selektion nach oben an,“ kommentiert der Politik-Professor die Konzeption von Bildungsministerin Edelgard Bulmahn. „Wenn wir den Weg gehen, der jetzt eingeschlagen ist, dann folgen wir dem Vorbild der anglo-amerikanischen Entwicklung.“ Diese Entwicklung führe jedoch, so Deppe, zu einer stärker werdenden Polarisierung zwischen der Elite und der breiten Masse innerhalb des Wissenschaftssystems. Qualität könne aber nur „aus der Breite“, d.h. aus einem gut ausgestatteten öffentlichen Bildungs- und Wissenschaftssystem entstehen. Eliten tendieren zu Dekadenz und leiden unter einem Bereicherungstrieb.

Grundsätzlich ist Deppe nicht gegen eine Förderung von Spitzenleistungen. Wird der Bildungssektor aber dem Markt und dem Profitprinzip unterworfen, dann entstehen Gräben zwischen Elite und breiter Masse und das muss verhindert werden.

„ Hey, Prof, bilde mich aus!“

„Wir sind Dienstleister. Das sind wir per Definition.“ Frank Deppe sieht es als legitim an, dass die Studierenden eine gute Ausbildung von einem Professor erwarten. Widersprüchlich seien aber die Erwartungen, wie diese gute Ausbildung aussehen soll.

Wir müssen didaktisch gut sein (...), aber auch interessant für die Studierenden, indem wir zum Beispiel Bücher schreiben.“ Besonders gut Dias an die Wand werfen zu können, reiche nicht aus – ein Student habe ein Recht auf einen in der Forschung und bestimmten Schwerpunkten qualifizierten Professor.

Wissenschaft könne aber nicht so vermarktet werden wie ein gängiges Dienstleistungsunternehmen, denn dann würde die Wissenschaft dem zum Opfer fallen. Die Universität und die Wissenschaft seien Räume, in denen sich Interessen und Persönlichkeiten entwickeln und entfalten sollen. Die Fähigkeit zum kritischen Denken zu fördern sei eine Aufgabe der wissenschaftlichen Ausbildung.

Die Universität habe die wichtige Funktion eine Institution zu sein, in der die Wissenschaft als System der Entwicklung von Denkfähigkeit existiert, „und da hat die Bundesregierung überhaupt nichts zu zu sagen,“ schließt Deppe.

Studentengenerationen

Frank Deppe ist seit über 30 Jahren Professor am Institut für Politikwissenschaft und hat schon viele Studentengenerationen und somit auch Streiks miterlebt. In unserem Interview erzählt er uns, dass seit den 80er Jahren alle 4-5 Jahre gegen schlechte Studienbedingungen, Hochschulgesetze oder Pläne der Regierungen, beispielsweise die Einführung von Studiengebühren oder den NC gestreikt wurde.

Ein Vergleich der Generationen sei aber aufgrund der unterschiedlichen Sozialisation und den verschiedenen zeithistorischen Umständen nicht möglich.

„Klar haben sich die Studenten verändert, aber sie sind noch genauso wunderbar wie damals und genauso schrecklich wie damals.“

Etwas verwundert äußert er sich zum Streik in diesem Semester. „Die Streikbewegung scheint völlig verpufft zu sein – Weihnachten muss da eine magische Wirkung gehabt haben.“

Trotzdem lobt Deppe, dass viele Studierende ihre Aktionen als einen Teil größerer Zusammenhänge, also auch den internationalen und globalen Zusammenhang, begriffen hätten. Der Streik habe sich aber nicht darauf bezogen, die Koch-Regierung zu stürzen. Schmunzelnd merkt er an: „Die, die das am Anfang geglaubt haben und Politikwissenschaft studieren, müssen sich fragen lassen, ob sie noch ganz klar im Kopf sind. Niemand kann bei so einer Aktion glauben, dass man gleich eine ganze Regierung stürzt."

„Wir waren viel freier damals“

Die Situation an den Universitäten hat sich stark verändert, erzählt Deppe.

Der Druck auf die heutigen Studierenden habe sich durch die steigenden Leistungsanforderungen enorm verschärft. Deppe schildert uns die Situation seiner eigenen Studienzeit mit folgenden Worten: „Man fragte irgendwann mal, ob man im Hauptseminar war.“ Allerdings war der Arbeitsaufwand für ein Referat größer als heute. Er erinnert sich an ein Referat, an dem er fast drei Monate gearbeitet und die Bibliothek „fast leer geliehen“ hat, um sich vorzubereiten. Der Unterschied läge darin, dass damals weniger Referate pro Semeter gehalten wurden als heute.

„Das kann man sich heute gar nicht mehr leisten, Sie müssen ihre Kontenführung machen und planen, was sie wann belegen müssen.“ Er selbst als Professor merke auch, dass die Qualität der Referate gesunken sei. Nicht, weil die Studenten dümmer geworden sind, sondern weil sie einfach viel mehr Referate halten müssen. Sein eigenes Studium sei „viel freier“ und zwangloser gewesen.

Die Gründe dieser Freiheit sieht Deppe u.a. darin, dass man damals keine Angst vor Arbeitslosigkeit hatte. Der Gedanke Taxi-Fahrer zu werden, anstatt an der Universität zu promovieren, wurde nicht so skandalös betrachtet wie heute. „Oder man beschloss, Berufsrevolutionär zu werden“, scherzt Deppe.

Auf die Frage, aus welchen Gründen er sein Studium aufnahm, antwortet er: „Ich habe mit einer kritischen Intention angefangen zu studieren.“ Die Politisierung setzte erst im Laufe der Zeit ein.

Am Ende des Interviews erzählt Deppe weitere Details seiner Studienzeit mit Professoren wie Wolfgang Abendroth, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno. Er wurde geprägt von diesem kritischen Denken der Frankfurter Schule. Die radikale Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem, seiner Kultur und Ideologie, sowie der Bezug zu den Kämpfen der Arbeiterbewegung wurde allerdings erst durch das Studium bei Wolfgang Abendroth gefestigt.

Aus der Zeit als Vorsitzender des SDS ( Sozialistischer Deutscher Studentenbund ) berichtet Deppe von seiner Freundschaft zu Rudi Dutschke.

„Ich war mit Rudi Dutschke befreundet. Wir haben uns oft gestritten, heftig gestritten, aber er hat auch in meinem Bett übernachtet... ohne mich... mit Gretchen zusammen,“ beendet Deppe lachend das Interview.

Kurzporträt:

Prof. Frank Deppe ist seit 1972 am Institut für Politikwissenschaften in Marburg. Nach einem Studium der Soziologie, Politikwissenschaft und der Nationalökonomie in Frankfurt/ Main und Marburg, promovierte er 1968 im Fach Politik, zum Thema „Auguste Blanqui und das Problem der sozialen Revolution“.

Von 1968 bis 1972 war Frank Deppe im Akademischen Rat am Institut für Soziologie in Marburg.

Seine Schwerpunkte in der Forschung und Lehre liegen in der Politischen Theorie, Geschichte und Politik der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung, der politischen Soziologie der Gewerkschaften und der Europäischen Integration, sowie der Internationalen Politischen Ökonomie.

Zusammen mit Hans Jürgen Bieling leitet er die Forschungsgruppe Europäische Gemeinschaft (FEG) am Institut für Politikwissenschaft.

Zur Zeit arbeitet Herr Deppe am dritten Band seiner Reihe über das politische Denken im 20. Jahrhundert. Bereits erschienen sind „Das Politische Denken zwischen den Weltkriegen“ und „Politisches Denken im 20.Jahrhundert. Die Anfänge“.

 

Franziska Janning und Verena Oetzmann

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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 0:36