Deutschland sucht die Super-Uni

Eine ironiegeladene Dokumentation der unsinnigen Debatte um deutsche Elite-Universitäten.

Da hat sich aber jemand gehörig was von RTL II abgekuckt: „Brain up!“ rief Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn auf der SPD-Klausurtagung in Weimar, „Deutschland sucht seine Spitzenuniversitäten.“ Wollte sie etwa das große Schaulaufen der Hochschulpräsidenten ankündigen, die im finanziellen Tal der Tränen vor einer Jury um millionenschwere Finanzspritzen betteln? Eine Jury mit pseudo-seriösen Experten a la Dieter Bohlen, die ihre Kandidaten charmant abblitzen lassen: „Ey Prof, Deine Drittmittel-Bilanz iss voll scheiße!“ Nicht ganz. Aber ähnlich. Jedenfalls haben die Medien jene Diskussion um drei bis fünf deutsche Elite-Universitäten voll erfasst. Multimedial wird kräftig breitgetreten, worüber Fachleute heftig den Kopf schütteln.

Doch fangen wir mal ganz von vorne an. 250 Millionen Euro hat Edelgard Bulmahn, Gerhard Schröders Hüterin der Bildung und Forschung, einigen auserwählten Hochschulen versprochen. Namentlich jenen fünfen, die nach zwei Casting-Runden den Status „Elite-Uni“ aufgedrückt bekommen. Bewerben können sich die Möchtegern-Harvards schon im Frühsommer dieses Jahres. Ab 2006 soll die Viertelmilliarde für die Elitenförderung locker gemacht werden – wo sie Gerhard Schröder einstreichen möchte, steht freilich noch in den Sternen. Immerhin einen Monat diskutiert Deutschland nun schon über seine künftigen Spitzenunis. Brauchen wird die eigentlich? Haben wir die vielleicht schon? Klappt das überhaupt? Diskussionen um Studiengebühren sind verstummt, die miserablen Lehr- und Lernbedingungen sind kein Thema mehr. Bleibt die Frage, ob bloß die Humboldt-Uni jene Fördermittel einstreichen wird, oder ob andere Hochschulen auch zum Zuge kommen.

Elite-Uni. Wie wird man das überhaupt? Was braucht man dafür? Das wurde auch Harvard-Präsident Charles Eliot irgendwann im 19. Jahrhundert einmal gefragt. „Zwanzig Millionen Dollar“, sagte der, „und etwa hundert Jahre Zeit.“ Gerhard Schröder möchte seine deutsche Elite-Uni am liebsten im Rahmen der „Agenda 2010“ aus dem Boden stampfen und zwischendurch noch ein, zwei Mal wieder gewählt werden. Klar, die 20 Millionen Dollar wären „Peanuts“ für Schröder; zur Not könnte er sie Verteidigungsminister Peter Struck aus der Tasche ziehen. Wenn da nicht die Preissteigerung seit Achtzehnhundert irgendwas wäre. Für 20 Millionen Mäuse kann sich die Bundesregierung jedenfalls nicht viel kaufen – zwei, drei Professoren vielleicht, mit Kabuff, Sekretärin, einer Ladung Bücher und C4-Gehalt. Oder auch fünf Kilometer Autobahn. Das war's dann auch schon.

Natürlich lässt sich eine Elite-Uni auch mit der besagten Viertelmilliarde nicht wirklich finanzieren. Ein Blick auf die kalifornische Stanford University dreht einem den Magen herum: Drei Seen, einen Golfplatz und ein Kraftwerk haben die dort, dazu ein Stadion mit 85500 Sitzplätzen, eine 60 Mann starke Campus-Polizei und vor allen Dingen ein Stiftungsvermögen von 8,25 Milliarden Dollar. Wie hart, oder? Da käme selbst Roland Koch ins Staunen. Halt! Stop! Soweit möchte die Bundesregierung doch gar nicht gehen. Schließlich holen Amerika-Kenner wie der Max-Planck-Präsident Peter Gruss Schröder, Bulmahn und die anderen Sozen wieder auf den Teppich zurück. „Wir sollten auf keinen Fall versuchen, amerikanische Spitzenuniversitäten zu kopieren“, meint er. Das wird nämlich nie was! Der Wissenschaftler gibt sich realitätsbewusst: „Eine deutsche Uni wird wahrscheinlich nie auf Platz eins landen.“

Selbst nicht, wenn sie privat finanziert wird und kräftig Studiengebühren einfordert. Das zeigt das Beispiel der European School of Management and Technology in Berlin. Im ehemaligen DDR-Staatsratsgebäude „Unter den Linden“ starteten deutsche Wirtschaftsfürsten im vorigen Jahr den Versuch einer pompösen Elite-Uni. Doch trotz 50000 Euro Studiengebühren pro Jahr läuft der Laden nicht. Konzerne wie EADS, Lufthansa und Siemens, die finanziell geradestehen wollten, legen eine miserable Zahlungsmoral an den Tag. Nur über zwei Professuren verfügte die Manager-Schmiede, als im Mai der offizielle „Leerbetrieb“ startete. Richtig elitär sah das nicht aus.

Suchen wir die Elite also ein paar Häuser weiter. Im historischen Gebäude der Humboldt-Universität – jenem Denkschuppen, wo Deutschlands Denker dachten. Hegel zum Beispiel, auch Fichte, Planck und Mommsen. Leider ist auch die „HU“ ziemlich verlottert. Der Uni-Präsident schämt sich ab und zu, wenn er Gäste durch die Gebäude führen muss. Sagt er jedenfalls. Trotzdem soll aus der Berliner Universität eine Kaderschmiede für Eliten aller Art werden. Denn die Humboldt-Uni, so lassen Sozialdemokraten schon vor der ersten Casting-Runde heraus, sei Deutschlands erste Adresse in Sachen Forschung. Dabei ist jene Hochschule erst vor wenigen Jahren wie Phönix aus der Asche gestiegen. Nach dem Mauerfall, als Berlin plötzlich wieder drei Hochschulen hatte und böse Zungen der „FU“ in Dahlem die Dichtmachung der Humboldt-Uni forderten.

Blicken wir doch noch ein wenig in die Zukunft. Bis Ende Februar vielleicht wird Deutschland noch über Sinn und Zweck der Elite-Unis diskutieren. Doch eigentlich ist die Sache sowieso längst entschieden. Im Juli dann werden sich die Uni-Präsidenten der Elite-Jury stellen. Thomas Gottschalk wird da sitzen, vielleicht auch Dieter Bohlen (wenn ihn nicht ein Ruf an die Humboldt-Uni ereilt hat). Und der Gerd natürlich. Dann geht's um die Wurscht. Am Ende gewinnt die Humboldt Uni. Vielleicht noch ein paar Randfiguren. Jedenfalls wird Deutschland, so wünscht es sich SPD-General Olaf Scholz aufs Sehnlichste, im Agenda-Jahr 2010 wieder einen Nobelpreisträger stellen. Pünktlich zur Wiederwahl Gerhard Schröders. Oder???

Florian Willershausen
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Zuletzt aktualisiert: 2004-02-11 0:32