Miete oder Eigenheim, oder sonst noch was?

Ich stehe gerade mal wieder vor dem Umzug in eine andere Stadt, mit allen Schwierigkeiten, die damit einhergehen. Mein jetziges Zimmer wurde mir unrenoviert, dreckig und zu spät übergeben, ich muss es vom Vermieter abnehmen lassen. In München herrscht akuter Wohnungsmangel, die Preise sind dementsprechend hoch, vorausgesetzt, ich habe soviel Glück und finde überhaupt ein Zimmer, werde ich mich wohl mit dem erstbesten begnügen. Erst letztes Jahr habe ich monatelang erfolglos eine 3-Zimmer-Wohnung in Ulm gesucht. Der Preis für Mobilität scheint in Deutschland immer noch ein Mietverhältnis mit all seinen Querelen und Umständlichkeiten zu sein, die Alternative dazu in letzter Konsequenz das Eigenheim in der Vorstadtsiedlung. Aber wie ihr jetzt sicherlich schon vermutet habt, gibt es eine dritte Möglichkeit, die viele Vorteile der beiden ersten Wohnformen in sich vereint: Wohnungsbaugenossenschaften. Meine Ulmer Wohnungssuche war nämlich doch noch von Erfolg gekrönt, als ich im Internet auf ein Angebot der Ulmer Heimstätte, eingetragene Genossenschaft (eG) stieß.

Einfach und genial

Das Prinzip einer Genossenschaft ist ziemlich einfach und genial. Sie ist eine Körperschaft, deren Mitglieder Anteile an ihr halten und ihr so Kapital zur Verfügung stellen. Im Gegensatz zur Aktiengesellschaft hat jedoch jedes Mitglied bei Abstimmungen lediglich eine Stimme, unabhängig von der Anzahl seiner oder ihrer Geschäftsanteile. Streng genommen ist der Erwerb des Pflichtanteils auch nur eine Bedingung, die sich aus der Aufnahme ergibt. Damit ist eine Genossenschaft demokratisch organisiert wie ein Verein, aber wirtschaftlich handlungsfähig wie ein Unternehmen.

Mitglieder von Wohnungsbaugenossenschaften können in Wohnungen einziehen, die sich im Besitz ihrer Genossenschaft befinden. Sie zahlen hierfür eine Nutzungsgebühr, die meist deutlich niedriger liegt als die marktüblichen Mieten. Außerdem ist der tatsächliche Bezug einer Wohnung an den Erwerb weiterer Geschäftsanteile geknüpft, in der Regel einem pro Zimmer. Geschäftsanteile rangieren im Allgemeinen zwischen 200 und 500 Euro. Das in sie investierte Geld ist natürlich nicht verloren, sondern wird bei Abgabe der Wohnung oder Austritt aus der Genossenschaft ausgezahlt und bis dahin sogar verzinst. Der Gegensatz zwischen Vermieter und Mieter ist hier im eigentlichen Sinne aufgehoben. Erwirtschaftete Gewinne fließen in Erhalt, Aufwertung und Erweiterung des Wohnungsbestandes.

Natürlich sind die allermeisten Wohnungsbaugenossenschaften keine basisdemokratischen Sozialismusbiotope. Bei 4000 Mitgliedern und mehr wählen oft einzelne oder mehrere Häuser Vertreter, die den Aufsichtsrat und/oder den Verstand wählen und kontrollieren. Bedingt auch durch die Mietermentalität vieler Mitglieder, die sich nicht für das politische Geschehen innerhalb ihrer Genossenschaft interessieren, werden die Potentiale zur Mitbestimmung häufig nicht ausgeschöpft. Sie ermöglichen es dennoch, in Selbstbestimmung und Selbsthilfe gleichberechtigt mit Anderen zusammenzuleben, ohne wie bei privaten Immobilien ortsgebunden und unflexibel zu werden. Gerade Leute, die es auf dem offenen Wohnungsmarkt schwer haben, oder dort oft diskriminiert werden, wie Migranten, Familien oder psychisch Kranke, werden hier unterstützt.

Wer bei einer Genossenschaft wohnen möchte, sollte sich einige Monate vor dem Umzug um die Aufnahme bewerben und sich dann als wohnungssuchend melden. Die einzelnen Wohnungsangebote sind dann meistens auch über Internet abrufbar. Langweilig und spießig in Eiche rustikal gibt es dann immer noch im Eigenheim.

Daniel Althaus

Informationen im Internet:

www.wohnungsbaugenossenschaften.de

www.wohnbund.de
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Zuletzt aktualisiert: 2003-07-09 17:03