Objektivität – Die Zierde des seriösen Journalismus

In der Publizistik ist Objektivität im Sinne von Unparteilichkeit das zentrale Anliegen journalistischer Berichterstattung. Dieser Begriff aus der Erkenntnistheorie steht laut Brockhaus für die „unabhängig vom einzelnen Subjekt bestehende Wahrheit eines bestimmten Gegenstandes oder Sachverhaltes“. So gilt im westlichen Mediensystem die Trennungsnorm zwischen Nachricht und Meinung. Fakt ist aber, dass dieser Objektivitätsanspruch sowohl an der jeweiligen Perspektive und dem gebotenen Ausschnitt, als auch der Zusammenstellung der ausgewählten Information seine Grenze findet. Besonders fragwürdig wird das Verhältnis von objektiver Information zur Realität in der Kriegsberichterstattung.

Die Titelseiten der Zeitungen sind seit dem 11. September entweder von Terrorakten, Vergeltungs- oder Präventivschlägen besetzt. Von der Informationsdichte überwältigt, suchen wir nach einem Strohhalm oder Anker, damit uns der Politikverdruss nicht fortreißt und wir in dem Gefühlsgemenge der Orientierungs- und Hilflosigkeit untergehen. Doch erwarten LeserInnen denn nicht, dass das, was sie da auf Papier gedruckt für Geld erworben in den Händen halten einer allgemeinen Überprüfbarkeit gerecht wird? Dass bei angestrebter Ausschaltung subjektiver Einflüsse und Wertneutralität sogar ein gewisser Ewigkeitswert erreicht wird? Nicht, wenn von “Fakten-Fakten-Fokus“ bis “Spiegel-Leser wissen mehr“ noch jedes politische Blättchen gnadenlos die Karte „raft des Faktischen“ ihrer durch Druck materialisierten Ansichten ausspielt. Gilt es doch, den Konkurrenzkampf um das Vertrauen einer treuen und - vor allem - zahlenden Leserschaft zu gewinnen und damit wiederum die eigene Existenz auf dem dichtbesiedelten Informationsmarkt zu sichern.

Als LeserIn bleibt uns nichts Besseres übrig, als in unserem Welt- und Wertesystem entsprechend kompatible Informationsteile zu suchen, die im eigenen Puzzle Lücken füllen oder dieses durch Ansetzen erweitern können. Jenen Teilen, die dann passen, die wir als richtig erachten, schenken wir letztendlich unser Vertrauen. Dieses Verhaltensmuster vermindert Unsicherheit und fungiert als eine Art soziale Rückversicherung zur Stabilisierung unseres eigenen Weltbildes.

Worum ging es noch mal? Ach ja, um Objektivität! Sie gilt im Journalismus als ausgesprochene Zierde und ist einer von Propaganda geschädigten Gesellschaft wie der unseren zum Statussymbol avanciert. Nicht nur bei den JournalistInnen, auch bei uns kontrolliert der Wunsch die Wirklichkeit. Und zwar konkreter als einem bewusst ist oder soll?! (Da gibt es wahrscheinlich schon die ein oder andere Verschwörungstheorie zu... J) Soll heißen: „Jedes beobachtende System konstruiert unweigerlich durch sein Operieren bzw. im Vollzug seines Operierens Wirklichkeit, die nach zeitlich und kontextuell unterschiedlichen Kriterien empfunden, geprüft und evaluiert wird.“ Dies wird besonders deutlich bei dem Medienkonzept des Pentagon im Irak-Krieg: “embedded journalism“ lautet die Zauberformel, mit der man den/die ReporterIn in den Panzer und den Risikofaktor Medien und Kritik in einen kontrollierbaren Rahmen bringt. Die freiwillige oder zwangsweise Identifikation mit den strategischen Interessen der Kriegsparteien und ein mehr oder minderes Maß an Komplizenschaft ist unter diesen Umständen von keiner/keinem Journalistin/en ernsthaft zu bestreiten. Jeder der/die von der Front berichten möchte, muss sich auf bestimmte Konditionen einlassen. Strategische und andere heikle militärische Informationen, die Erfolg und Sicherheit des Einsatzes gefährden, unterliegen der Zensur. Der Aktualitätsdruck bei Hunderten von KonkurrentInnen lässt die Sorgfalt schon mal im Schützengraben zurück. Sensationelle Selektion und dramatisierende Erzählung sind die Waffen im Kampf gegen den schnelllebigen Verbrauch der Aufmerksamkeit.

Das Ziel, die Realität möglichst genau abzubilden beziehungsweise wiederzugeben und zwar nicht von Gefühlen und Vorurteilen bestimmt - also sachlich, unvoreingenommen und unparteiisch - wird im besten Fall angestrebt, im schlimmsten Fall vorgegaukelt, jedoch zweckfrei wird Journalismus nie sein.

Für die Beurteilung von Journalismus gibt es keine absoluten Maßstäbe. Klar ist aber, dass JournalistenInnen für die Wirklichkeitsangebote die sie machen die Verantwortung tragen. Sie können sich nicht hinter vermeintlicher "Objektivität" verstecken. Das Prinzip Verantwortlichkeit sollte deswegen zum Maßstab journalistischen Handelns werden.

Sarah Böhnke

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Zuletzt aktualisiert: 2003-10-29 23:41