Räuber, Rächer und Rebell

Yasar Kemals Roman „Memed mein Falke“ wurde einer der meistgelesenen Romane in der Türkei

In den Dörfern am Rande des anatolischen Taurusgebirges herrscht der Großgrundbesitzer Abdi Aga. Den Dorfbewohnern geht es sehr schlecht, denn auf dem unfruchtbaren und elenden Boden wachsen nur Disteln. Außerdem müssen sie zwei Drittel von jeder Ernte an den Abdi Aga abgeben, so dass für ihren Lebensunterhalt nur wenig übrig bleibt.
Memed, der vaterlose Bauernsohn, zieht seinen Hass auf sich: Zum einen entführt er seine große Liebe Hatce, die mit dem Neffen von Abdi Aga verlobt ist, zum anderen schießt er Abdi Aga an und tötet seinen Neffen, als sie ihnen in den Bergen auf die Spur kommen. Er wird zur Flucht in die Berge gezwungen, da Abdi Aga und seine Leute hinter ihm her sind. Abdi Aga schwört Rache für den Mord an seinen Neffen und für die schändliche Tat der Entführung der Braut seines Neffen. Hatce wird gefasst und kommt wegen Falschaussagen ins Gefängnis. Für Memed beginnt nun ein Leben in den Bergen voller Abenteuer und Sehnsucht. Er verliert seine Mutter und seine Braut, die Mutter seines Sohnes. Aus dem schmächtigen, ängstlichen Jungen wird ein Räuber, Rebell und Rächer des Volkes. Auf ihn hoffen die Bauern, vor ihm verbarrikadieren sich die Grundherren.

Yasar Kemal wurde 1923 in einem Dorf in Südanatolien geboren und wuchs in großer Armut auf. Als einziges Kind in seinem Dorf lernte er Lesen und Schreiben, um seine Geschichten, die er seiner Mutter erzählte, niederschreiben zu können und sie nicht zu vergessen. Kemal arbeitete in vielen Berufen, unter anderem als Tagelöhner auf Baumwollfeldern und Reisplantagen, als Hirte, Schuhmacher, Traktorfahrer und Fabrikarbeiter. In seiner Jugend verdiente er seinen Lebensunterhalt auch als Straßenschreiber. Für Bauern, die nicht Lesen und Schreiben konnten, verfasste er Briefe, Bittschriften, Dokumente. Sein rechtes Auge erblindet in Kindesalter.
Später durchstreifte er als Journalist zwölf Jahre lang die Türkei. Er schrieb über die Armut, den Hunger, die Dürre, die Ausbeutung durch feudale Großgrundbesitzer. Seine ersten Erzählungen erschienen in der türkischen Zeitung Cumhurriyet. Noch nie waren solche Berichte in der türkischen Presse veröffentlicht worden. Einige führten sogar zu Debatten in der Nationalversammlung. Infolge des Militärputsches 1971 kam Kemal wegen seiner Mitgliedschaft in der sozialistischen Arbeiterpartei der Türkei ins Gefängnis.
Mit seinem Roman „Memed mein Falke“ wurde er 1955 auf einen Schlag zum meistgelesenen Schriftsteller in der Türkei. Yasar Kemal erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1997 der Friedenspreis des deutschen Buchhandels.

Hayal Düz, Politikwissenschaft

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Zuletzt aktualisiert: 2003-07-09 16:56