Zum Verhältnis von Ressourcen und Macht in der Demokratischen Republik Kongo

„Was ist dort unten eigentlich los?“

Die Formulierung einer ebenso kurzen wie umfassenden Antwort auf diese schlichte Frage erweist sich als alternativreiche Herausforderung. Sie impliziert und setzt eine Vielzahl anderer Fragen voraus: Wer sind die Protagonisten des Konflikts? Welche Ziele verfolgen sie? Was sind ihre Leitmotive? Und vor allem: Wie finanzieren sich diese Auseinandersetzungen? Die offensichtlichste Antwort würde wie folgt lauten: Es wird an mehreren Fronten zugleich gekämpft, so dass in dem Augenblick, in dem der eine Konflikt scheinbar zu Ende geht, ein anderer ungelöster sich alsbald in die Schlagzeilen drängt.

Wichtig ist es demnach zu verstehen, dass man nicht von „dem einen“ Kongo-Konflikt sprechen kann. Der Überschaubarkeit halber ist es angemessen, die Auseinandersetzungen auf drei Konfliktebenen anzusiedeln. Angesichts der Präsenz von UNO-Einheiten auf kongolesischem Gebiet seit 1960 und zahlreichen multinationalen Unternehmen und Regierungen bietet es sich an, die Kongo-Problematik im folgendem aus internationaler, regionaler oder innerkongolesischer Perspektive zu betrachten. Im Folgenden soll darauf eingegangen werden, wie diese drei Ebenen ineinander greifen.

Kongos Ressourcen: Fluch oder Segen?

Es wird vermutet, dass die schier unersättliche Habgier, mit der sich der belgische Monarch Leopold II. bereits im Jahre 1885 (1) das 2,3 Millionen Quadratkilometer große Gebiet als Privateigentum (2) anrechnen lies, auf sein heimliches und damals noch exklusives Wissen um potentielle Gold- und Edelsteinminen zurückführen lässt. Wer sich ein genaueres Bild des Schicksals, das Leopold den Bewohnern „seines Parks“ reserviert hatte, machen möchte schlage in Ausgabe 264 der „Informationen zur politischen Bildung (’99)“ auf Seite 14 nach. “Während der Kolonialherrschaft 1907 in Belgisch-Kongo wurde Einheimischen, die zu geringe Kautschukmengen ablieferten, zur Strafe die Hände abgeschlagen.“ Das Leiden und die Ausbeutung der kongolesischen Bevölkerung sollten allerdings, wenn auch unter anderen Bedingungen (3) die koloniale Ära überleben.

Natürlich ist die Kolonialisierung längst vergilbte Historie und der Rassismus ist gänzlich aus der offiziellen Agenda zwischenstaatlicher “NORD-SÜD“-Beziehungen verschwunden und sicher steht der einst programmatischen Unterwerfung und Ausbeutung des Südens heute ein Handelssystem gegenüber, das auf komparative Kostenvorteilen basiert. Doch ein Element ist seither unverändert. Das Problem bleibt, dass in diesem Land der internationale Handel nach wie vor auf Kosten der breiten Bevölkerung und der nationalen Stabilität vonstatten geht.

Neben vielen anderen industriell relevanten Erzen verbergen sich Diamanten, Gold, Silber, Kupfer, Kadmium, Coltan (Tantal/Niob), Kobalt und Uran im kongolesischen Gestein. Hinzu kommt, dass die kongolesische Regierung nun vor hat sich verstärkt der Förderung eigener Erdölvorkommen zu widmen. Mit der aktuell geförderten Menge von etwa 25000 Barrel täglich, die von Total-Fina-Elf und Chevron Texaco gefördert werden, befindet sich der Kongo im unteren Mittelfeld afrikanischer Förderstaaten. Das soll sich ändern. Die kanadische Firma Heritage Oil prospektiert derzeit im vielversprechenden Nordosten Kongos, in Ituri, einem erneut entflammten Krisenherd. Zeitgleich wird auch eine Erhöhung der „Off-shore–Bohrungen“, im Westen anvisiert. Voraussichtlich könnten dadurch Mengen in zehnfacher Höhe der aktuellen Leistung gefördert werden. Es bleibt offen, ob das Öl und dessen Absatz dazu verwendet wird, die Krisenherde weiter anzuheizen oder ob es auf die Wellen gegossen wird.

Spätestens hier wird deutlich warum die DRC (Demokratische Republik Kongo) nicht mehr aus dem Schachspiel internationaler Geostrategie wegzudenken ist. Bereits das Uran das Hiroschima pulverisierte, bezog die Rooseveltsche Regierung über belgische Firmen, die es wiederum aus kongolesischen Minen gewonnen hatten. Die weltweit größten Lagerstätten von Coltan, dem Erz aus dem Tantal gewonnen wird, befinden sich im Osten Kongos. Dieses Erz ist ein für unsere Mobiltelefone, unsere heimischen Rechner, die Rüstungs- und Raumfahrttechnik unverzichtbares Legierungsmetall. Das extrem Hitze- und Säureresistente Tantal ist nur ein Beispiel von vielen das verdeutlicht, warum Kongos Rohstoffe damals wie heute eher Fluch denn Segen für Land und Leute darstellen.

Der afrikanische Weltkrieg (4)

Selten ließ sich der Begriff der Multidimensionalität dermaßen angebracht auf ein Problem beziehen wie im Fall der aktuellen „Kongowirren“ (5). Dennoch lässt sich gerade in diesem Fall die Gesamtheit aller kongolesischen Konflikte auf einen gemeinsamen Nenner zurückführen: Es geht seit jeher, ob direkt oder indirekt, ob militärisch oder ökonomisch, unabhängig von ideologisch überfrachteten Motiven, regelmäßig um die Kontrolle und den Zugang zu den zahlreichen Rohstoffquellen des Landes.

Um zu verstehen, warum der kongolesische Reichtum die regionale und nationale Stabilität gefährdet, muss neben einer kurzen geografischen Situierung ein historischer Rückblick erfolgen. Alle neun Anrainer Kongos - Burundi, Ruanda, Uganda, Sudan, Zentralafrikanische Republik, Kongo-Brazzaville, Angola, Sambia und Tansania – spielen in dem vielschichtigen Konflikt - wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung - eine Rolle.

Mobutu Sese Seko, den die Geschichte als Tyrann und Kleptokrat par Excellence festhalten wird, putschte sich im November 1965 mittels westlicher Unterstützung an die Macht. Es dauert genau 32 Jahre, bis dieser Günstling westlicher Containment-Politik, der sich nach dem Ende der Bipolarität nur noch mit einem Mehr an Gewalt und Autorität an der Macht zu halten weiß, gestürzt wird. Nach einem neunmonatigen Kampf marschiert eine von Laurent Désiré Kabila angeführte Armee am 17. Mai 1997 ohne merklichen Widerstand in die heruntergewirtschaftete Hauptstadt Kinshasa ein. Der Weltöffentlichkeit werden die ausschlaggebenden Etappen des Siegeszuges über CNN, Euronews, und BBC zugänglich gemacht. Noch wird kaum problematisiert oder kritisch analysiert, dass ein Hauptteil seiner Truppen aus ruandischen und ugandischen Truppen besteht.

Kabila wird als Befreier Kongos gefeiert und wird zum Hoffnungsträger all derer, die unter Mobutus drakonischer Plutokratie zu leiden hatten. Ihm kommt die schwierige Aufgabe zu, den zu diesem Zeitpunkt nur noch nominell existenten kongolesischen Staat zu reformieren, ja überhaupt erst zu konstruieren. Die Staatsgewalt muss erneut hergestellt werden, wichtige Ministerien müssen gegründet und besetzt werden und die innere Sicherheit muss wiederhergestellt werden. Die Entscheidungen in diesen fundamentalen Bereichen entwickeln sich rasch zum Prüfstein für die Beziehungen zwischen den Koalitionspartnern Ruanda und Uganda und der sich gerade im Aufbau befindenden kongolesischen Regierung. Kaum mehr als ein Jahr später, am 02. August 1998 zerbröselt diese Koalition der Sieger. Warum?

Natürlich wurde der Sturz des größenwahnsinnigen Despoten mit Euphorie von der kongolesischen Bevölkerung gefeiert. Doch verstärkt durch die faktische Besetzung relevanter politischer Posten mit pro-ruandischen Generälen und der massiven Präsenz ausländischer Einheiten(Ruanda und Uganda) in den Städten drohte der unvermeidliche Beigeschmack einer ruandischen Okkupation, langfristig die Sympathiewelle in ihr Gegenteil zu kehren. Unter inneren Druck geraten kündigte Laurent Désiré Kabila unilateral seinen ausländischen Waffenbrüdern weitgehend die Bündnis- und Vertragstreue. Als er sowohl die ruandischen als auch die ugandischen Truppen des Landes verweist, bricht er damit im Osten an den Grenzen zu Uganda und Ruanda einen neuen Krieg vom Zaun.

Angesichts der drohenden Invasion und weiteren Erosion der maroden Staatskompetenz verbündeten sich die regionalen Mittelmächte Angola, Zimbabwe und Namibia mit Kabila. Die Fronten waren klar. Vor allem in der nord-östlichen Kivu Provinz kristallisierte sich der Konflikt. Gegenüber der offiziellen kongolesischen Regierung und ihrer Alliierten, die den Westen kontrollierten, standen hauptsächlich die von Ruanda finanzierte RCD (Rassemblement Congolais pour la Democratie) und die von Uganda geförderten Milizionäre der MLC (Mouvement pour la libération du congo) und der RCD-Bunia. Als sich Burundi, das dritte winzige Land im Osten, in diesem Stadium der Konflikte mit Ruanda verbündete und sich gegen Kabilas Regierung aufbrachte, hatten sich die drei früheren Verbündeten (die Befreier Kinshasas) bereits aussichtslos untereinander zerstritten. Jede der involvierten Regierungen verfolgt bis heute komplexe divergierende politische Eigenziele. Es sind diese widersprüchlichen Interessen, die es trotz zahlreicher Friedensabkommen und Waffenruhen unmöglich machen, Erfolge im Schlichtungsprozess zu erzielen.

Kriegsparteien und Ressourcen

Offiziell heißt es seitens der Alliierten, dass die Unterstützung der kongolesischen Regierung eine Sache der Prinzipien sei. Darüber hinaus stelle die drohende Implosion des kongolesischen Staatsapparates ein nicht hinnehmbares regionales Risiko dar. Für Ruanda nimmt die Kongofrage existentielle Maße an. Die Tutsi Regierung vertritt seit jeher den Standpunkt es sei ein Imperativ nationaler Sicherheit, den Osten Kongos zu kontrollieren, da die kongolesische Armee in dieser Region als Auffangbecken für flüchtende Hutu Söldner gedient habe. Einerseits sei die Verantwortung dieser am ruandischen Genozid von 1994 beteiligten Menschen noch ungeklärt und andererseits könnten diese Banden erneut erstarken und vom Kongo aus die Stabilität des Landes gefährden. Es steht also außer Frage diese Region zu verlassen. Die ugandischen Rebellen arbeiten allem Anschein nach darauf hin, in den von ihnen besetzten Regionen ihre politischen Ideen und Systeme zu etablieren. Ein Legitimierungsansatz lautet etwa: Da sowohl Uganda als auch Ruanda zunehmend Überbevölkerungsprobleme hätten, sei die Zunahme respektiver Bevölkerungsgruppen in dem benachbarten Kongo eine kaum kontrollierbare, unvermeidbare Entwicklung.

Ein Blick hinter die Kulissen zeigt jedoch, dass es allen Parteien ob Rebellengruppen oder Alliierten, auch – oder vor allem? - um die Kontrolle der Rohstoffe in den von ihnen besetzten Landstrichen geht. De facto ist der Kongo ein unter den verschiedenen Protagonisten des Konflikts aufgeteiltes Land. Sowohl die Bündnispartner als auch Ruanda und Uganda monopolisieren mit militärischer Konsequenz, den Import wie den Export aller Rohstoffe und Lebensmittel in ihren Einflusszonen. So erfährt man in der Publikation African Affairs: “The Congo Desk“ of the Rwandan External Security Organisation includes a section called ‘Production’ which is in charge of the exploitation and trade of Congolese resources ”. (6) Im Klartext handelt es sich bei der Ausbeutung der Bodenschätze besagter Kivu-Region eindeutig um eine ruandischeA?? Staatszielbestimmung. Ähnlich sieht es auf der anderen Seite, mit Zimbabwe aus. Nach Angaben des Belgischen Diamond Office exportierte Zimbabwe im ersten Halbjahr 1999 19000 Karat Diamanten nach Antwerpen. Eine Bemerkenswerte Leistung für ein Land das selbst kaum über nennenswerte Edelsteinvorkommen verfügt. Erklärung hierzu: Die Präsenz und die Unterstützung vom 12000 Mann starken Kontingent aus Zimbabwe bezahlt die kongolesische Regierung mit der Konzession von Gold-, Kupfer- und Diamantenminen.

Mythos: Stabilität und Investition

Die Verflechtung der eingangs erwähnten drei Ebenen der Kongoproblematik sticht endgültig ins Auge, wenn man noch folgende Fakten hinzuzieht: „Der Bergbaukonzern American Mineral Fields will zum Beispiel im Süden des Kongo zusammen mit dem kongolesischen Staatsunternehmen Gecamines und dem Konglomerat Anglo-American das nach eigenem Bekunden größte Bergbauvorhaben des Kontinents außerhalb Südafrikas umsetzen. Siemens rechnet mit lukrativen Aufträgen bei Reparatur und Ausbau des Wasserkraftwerks Inga. Ein Team des Konzerns schätzt die dort Notwendigen Investitionen auf etwa eine Milliarde Dollar (7).“ Hier paktieren auf exemplarische Weise internationale und kongolesische (nationale) Interessen für wirtschaftliche, voraussichtlich gewinnbringende Zwecke mitten in einem von blutigen Gefechten und Massakern belebten Urwald. Soviel zum vielbeschworenen Mythos der Interdependenz von politischer Stabilität und wirtschaftlicher Attraktivität eines Standorts.

Fazit

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu erheben lässt sich auf die Frage „was dort unten eigentlich los sei“ Folgendes zusammenfassen:
>> Trotz - oder vielleicht gerade wegen? - der dort grassierenden Korruption und Unsicherheit herrscht im rohstoffübersäten Kongo ein Raubtierkapitalismus der rationalsten beziehungsweise amoralischsten Art. Es sind symbiotische Beziehungen zwischen profitgierigen Multinationalen und machtgierigen Warlords festzustellen. Erstere wollen in Sicherheit dort Bohren und Schürfen wo es sich für sie lohnt. Den Preis für diese Sicherheit legen sie mit den Milizen fest, denen die jeweiligen ressourcenreichen Regionen unterliegen. Was geschieht mit diesem Geld nach der Transaktion? „Aus Milizen mit primitiven Waffen sind Armeen mit schwerer Artillerie, komplizierten Namen und politischen Programmen geworden (8).“

Es ist derselbe Geist des auf dem ethischen Auge blinden individualistisch-zweckrational handelnden Homo Ökonomikus, der schon vor hundert Jahren Leopold II. antrieb, der noch heute Firmen wie Anglo American, Bayer und ihre 100-prozentige Tochter H. C. Starck, Siemens oder die belgische Firma Umicore (9) dazu veranlasst, weiterhin in diese Region zu investieren - wohl wissend, dass das Geld zur Militarisierung des gesellschaftlichen Lebens, und damit zu einer Verschärfung der anhaltenden Auseinandersetzungen beiträgt. Seit 1997 sind circa 3,5 Millionen Menschen (10) in periodischen Auseinandersetzungen unvorstellbarer Brutalität ums Leben gekommen.

Solange die Konten der Kriegstreiber gefüllt bleiben, bleiben ihre Gewehre geladen. Und solange sich diese Macht über die Ressourcen des Landes finanzieren lässt, solange werden die Reichtümer Kongos ein Segen für den Krieg und ein Fluch für jegliche Friedensbemühung darstellen.

Naakow Grant-Hayford, Politikwissenschaft


Quellenverweise und Kommentare:

(1) Berliner Konferenz. Vom 15.11.1884 – 26.02.1885. Diese Konferenz gilt als der Grundstein für die Aufteilung Afrikas unter europäischen Mächten.
(2) Zum Vergleich: Belgien ist (und war damals wie heute) mit nur 30000km² Fläche um das 76fache kleiner als der Kongo
(3) Mobutu Sese Seko Staatschef / Diktator zwischen 28.11.1965 und 17.05.1997.
(4) Formulierung die auf Susan Rice –ehemalige Afrika Expertin der US Regierung- zurückgeht.
(5) Dieser Begriff bezieht sich ursprünglich auf die von Amerika und Belgien geförderten Sezessionsversuche der rohstoffreichen Regionen Katanga und Simba zwischen 1960 und 1965. Die Kongowirren wurden bewusst von der wider Willen abtretenden Kolonialmacht Belgien und dem amerikanischen Geheimdienst geschürt. Selbige Drahtzieher zeichnen auch verantwortlich für die zwei wohl verheerendsten Einschnitte in der Geschichte und Entwicklung des Kongo. 1: Die Ermordung des Freiheitskämpfers und Politikers Patrice Lumuba am 17.01.1961 und 2: Die Unterstützung und Installierung des korrupten Despoten Mobutu Sese Seko am 24.11.1965.
(6) Reyntjens, Filip, Briefing: The Democratic Republic of Congo, from Kabila to Kabila, S.312, African Affairs, Royal african Society, 2001.
(7) Eberlein, Ruben, Nachhilfe von Kabila vom 21.11.02
(8) taz Nr. 7070 vom 4.6.2003, Seite 4, 148 Zeilen (TAZ-Bericht), DOMINIC JOHNSON
(9) UN Bericht: Report of the Panel of Experts on the Illegal Exploitation of Natural Resources and Other Forms of Wealth of the Democratic Republic of the Congo, April 2001.
(10) The Economist S.39, 29. 03. 2003
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Zuletzt aktualisiert: 2003-07-09 16:54