1984: Orwell entdeckt — eine aktuelle Buchschau nach 54 Jahren

Das Werk 1984 von George Orwell ist ein Meisterwerk der Literatur des 20ten Jahrhunderts und wurde seinerzeit (1949) u.a. als eine Anklage gegen die diktatorischen kommunistischen Regime interpretiert und benutzt. Ganz sicher ist es eine Darstellung der Zustände, wie sie sich in einem totalitären Staat, wie im Buch beschrieben gar in einer scheinbar komplett totalitären Welt abspielen. Orwell hat sein Buch vor beinahe 55 Jahren geschrieben, doch scheint es aus vielerlei Hinsicht erst heute in seine wahre Aktualität hinein zu dringen, in eine Realität, in der vieles von ihm für das Jahr 1984 beschriebene 19 Jahre später geschieht.

Im vorliegenden Beitrag können freilich nur einige Motive herausgegriffen werden, die aus heutiger Sicht von zentraler Bedeutung sind. In die heutige Sprache und Realität sind Begriffe eingegangen wie Big Brother, Thoughtpolice oder Doublethink. Doch was ist das Brutale und gleichzeitig das Wahre an der Darstellung von Orwell? Es scheint seine Feststellung zu sein, dass Machtstreben unter Regierenden und Macht als Selbstzweck fast zwangsläufig ein System hervorbringen, welches die Menschen von außen und von innen tyrannisiert und letztendlich in ihrer menschlichen Würde brechen kann; es ist aber auch das Greifbare und das Naheliegende an Orwells Fiktion, welche sich so stark unterscheidet von eigentlicher Fiktion.

Ein Leben lang gekämpft

Orwells persönlicher Hintergrund ist unter vielem anderen der eines Kämpfers gegen den Faschismus im spanischen Bürgerkrieg, eines Umhertreibenden und Bettlers, eines Berichterstatters für die BBC während des Zweiten Weltkrieges, eines Sozialisten, Idealisten und desillusionierten Schriftstellers, letztlich eines Todkranken. In schwerer Krankheit und knapp ein Jahr vor seinem Tod im Jahr 1950 ist denn auch Orwells letztes und bekanntestes Buch erschienen: 1984.

Zwar scheint sein Werk insbesondere von den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges geprägt zu sein, sowie von einem Staat, der die totale Kontrolle ausübt, seine Bürger terrorisiert, sie einer Gehirnwäsche unterzieht und die Kinder von klein auf zu Spitzeln erzieht. Jedoch ist auch eine in die nun gegenwärtige Zukunft gerichtete Vorausschau Orwells erkennbar. Sie findet sich vor allem wieder in der etwa 20-seitigen Darstellung von Emmanuel Goldsteins Buch „The Theory and Practice of Oligarchical Collectivism“; Goldstein ist der zu hassende Staatsfeind, der versucht, aus dem Untergrund den „Werdegang“ und den Zustand der Welt von 1984 und die Ursachen hierfür zu beschreiben; einer Welt, die nicht in eine Katastrophe stürzen wird, sondern sich längst in dieser befindet. Goldstein ist gleichzeitig die Personifizierung des Bösen, auf den der gesamte Hass der Menschen Ozeaniens (einem von drei auf der Welt existierenden Superstaaten) gelenkt werden soll. Gerade dieses Motiv ist auch in heutiger Zeit nichts Fremdes, so etwa die Darstellung von Diktatoren wie Saddam Hussein als das personifizierte Böse, als nahezu satanische Figuren, welche es zu bekämpfen und auszumerzen gilt, damit das „Gute“ obsiegen kann. Die Verfälschung der Realität durch solch eine verkürzende, polemisierende, unwahre schwarz-weiß Darstellung der Dinge wird bei Orwell ins Absurde geführt durch die Tatsache, dass der Staatsfeind Goldstein letztendlich gar nicht existiert.

In Kapitel 2 (von insg. drei) wird die (Liebes)Beziehung zwischen dem Hauptprotagonisten Winston Smith und einer innerlich ebenso rebellierenden Frau beschrieben; lediglich in dieser Beziehung werden Spuren von verbliebener menschlicher Würde deutlich spürbar. Es ist eine Menschlichkeit, die zwar von vornherein zum Scheitern verurteilt ist, aber dennoch die gesamte Hoffnung ausdrückt, welche von dem Werk ausgeht. Diese Hoffnung überdeckt für einen kurzen Zeitraum die Depressivität und Schwere, die das gesamte Werk des damals todkranken 46-jährigen Orwell durchzieht.

Der Grosse Bruder 2003

Was aber bedeutet Big Brother in unserer Zeit und wie konnte im Jahre 1949, in dem Orwell sein Werk werden? Big Brother ist heute und ist es in einer Weise, die sich freilich stark von der Darstellung Orwells unterscheidet. Sie ist in vielerlei Hinsicht gar viel tragischer. Die Menschen werden heutzutage zum Teil nicht unter Zwang beobachtet und kontrolliert, sie tun es vielfach freiwillig, offenbaren das Private, das Eigene, das doch eigentlich individuell und geheim bleiben will. Sendungen wie „Big Brother“ oder die zahllosen täglichen Talksendungen sind nur die öffentlichen Szenen eines zur Schau gestellten Gefühlslebens von Menschen, die alles Eigene entblößen. Dies tun sie jedoch auf einer Ebene, die meistens lediglich die Oberfläche zeigt. Doch steht nicht eventuell ein Zwang dahinter, welcher erst auf den zweiten, dritten Blick augenscheinlich wird? Es ist ein Zwang, der gleichfalls durch ein System determiniert ist, das auf Verkauf und Verwertung fast aller Lebensaspekte fußt, zu denen nun auch die Persönlichkeit zu gehören scheint. „Sich verkaufen können“ als ein essentieller Baustein und Garant für beruflichen Erfolg im Leben wird wörtlich genommen und dermaßen exzessiv gesteigert, dass die Relation zwischen Erfolg und persönlicher Blamage sich ins Unkenntliche verliert. Der Erfolgreiche muss scheinbar persönliche Demütigung über sich ergehen lassen, das wird akzeptiert und dadurch für die nachfolgenden Erfolgreichen zum selbstverständlichen Bestandteil des Erfolges. Orwells Big Brother ist ein definitiv auferlegter Zwang; der heutige große Bruder hingegen passiert unter teils freiwilliger Zustimmung.

Von Krieg und Frieden

Dieser Punkt führt fast automatisch zu einem anderen, in meinen Augen noch grundlegenderem Motiv in Orwells 1984. „War is Peace“, „Freedom is Slavery“ und „Ignorance is Strength“ sind Parolen, zu Ideologien hochstilisiert, die als selbstverständlich akzeptiert werden (sollen). In der Handlung des Buches ist damit mitunter der niemals endende Krieg gemeint, gegen wen auch immer geführt. Dieser Krieg ist Ursache für schmerzhafte Entbehrungen, regelmäßige Bombenangriffe, die totale Kontrolle seitens des Staates. Gleichzeitig ist er die Legitimation für eben diesen Status Quo, der in Orwells totalem Staat nicht in Frage gestellt werden darf und selbst die bloße Möglichkeit des Infragestellens durch die systematische Zerstörung der Sprache nahezu ausgemerzt wird. Erst der Krieg garantiert die Freiheit, deren Idee – als ureigene und positive menschliche Sehnsucht – auch vom Big Brother Regime sowie das Sprach- und Gedanken-vernichtende Newspeak-Englisch nicht gänzlich eliminiert werden kann und deshalb relativiert werden muss: „War is peace“.

Falsche Wahrheit heute

Was diese Motive mit der heutigen Zeit zu tun haben? Wenn die entscheidenden Köpfe der amerikanischen Administration verkünden, dass der Krieg gegen den Terror ein langwieriger sein werde und zum Teil offen, zum Teil aber auch geheim geführt werde, dann ist dies ein Anfangsschritt in Richtung einer Totalität, die der Orwellschen nahe kommt. Wann dieser Krieg gewonnen – oder verloren – wird, das bleibt offen und folgt der Logik des verkündeten „Enduring freedom“, zwanghaft gepaart mit dem „enduring war“. Dauerhafte Freiheit, das ist das deklarierte Ziel, dauerhafter Krieg, das ist das gewählte Mittel dazu. Doch schon Gandhi sagte, „wenn Du willst, dass sich die Welt verändert, dann musst Du selbst die Veränderung sein.“ Ein Krieg gegen ein diktatorisches Regime wie das im Irak ist keine Veränderung, es ist eine Betonisierung und Verschärfung des Status Quo auf der Welt, welche doch so ungleich, fehlerbehaftet und reformbedürftig ist. Sie ist sicherlich auch reformierbar, wenn die Reformen gewünscht sind. Doch statt der Veränderungen laufen bereits die Spekulationen über die nächsten Ziele, die nächsten kriegerischen, mordenden Schritte auf dem Weg in Richtung von vielgepriesener und missdeuteter Demokratisierung, Sicherheit und Freiheit.

Die Wahrheit von Morgen

Die totale Kontrolle, wie sie Orwell auf erschütternde Weise beschreibt, die jegliche Menschenwürde schon im Keim erstickt, von dieser sind wir noch meilenweit entfernt. Doch sind große Entfernungen in der heutigen Zeit unbedeutend geworden, räumliche Distanz ist der psychischen gewichen, die nun dominiert. Doch zur dieser letzteren, also der psychischen Nähe oder Entferntheit zu Personen, Ideen oder Überzeugungen, gehören auch die Möglichkeit und die Bereitschaft der Wahrheitsfindung und -Erkennung. Wir sehen die Wahrheit – wenn auch versteckt – jeden Tag, weil wir sie sehen können, und wir dürfen sie aussprechen und für die Zukunft weiter gestalten. Dieses Recht der Äußerung und der Veränderungschance wurde und wird immer wieder erkämpft, das Recht, in unserer und in vielen Gesellschaften offen, öffentlich und offiziell die Wahrheit zu sagen und zu erfahren. In Orwells Werk ist dieses Recht nicht mehr gegeben, es ist illegal auf eine noch nicht erlebte Weise, eine, die nicht nur die äußeren Taten der Menschen kontrolliert, beschränkt und aufs brutalste bestraft, sondern auch die inneren, die aller eigensten, die Gefühle und Gedanken. Sobald die Gedanken und die Sprache nicht mehr frei sind, sind auch die Menschen gefangen.

Es darf nicht so weit kommen, dass wir an Frieden durch Verbrechen glauben, dass wir Freiheit mit trügerischer Sicherheit erkaufen, dass wir eine Kontrolle zulassen, die Teile der Gesellschaft und einzelne Menschen als anders und schlechter brandmarkt, dass wir verkaufen, was nicht Ware ist. Doch geschieht das schon längst auf eine sich selbst antreibende Art und Weise; aber dennoch nicht absolut, nicht total im Orwellschen Sinne. Denn dazu sind die positiven Eigenschaften der Menschen und die tatsächlich fortschrittlichen Entwicklungen unserer Gesellschaften zu weitreichend und zu stark verwurzelt, um einfach so absolut ausgehebelt zu werden.

2003: kein Orwellsches Gesetz

Dieser wachsenden Gefahr des Totalitarismus und der Totalität wollte auch Orwell Stirn bieten, hat seinen Hauptprotagonisten jedoch scheitern lassen. Auch sind einzelne seiner Motive in heutiger Realität wiederauffindbar. Und dennoch, der Unterschied zwischen 1984 und 2003 ist der, dass heutzutage die Veränderungschance existiert. Es gibt die Möglichkeit, die Sprache nicht nur als Instrument bloßer Parolen zu missbrauchen, sondern sie als Mittel zum Ausdruck tiefer Gedanken und Meinungen zu nutzen. Der Grosse Bruder ist nicht größer als der Einzelne Starke, wenn er sich mit anderen zusammenschließt. Wir müssen nicht glauben, dass jeder Frieden zunächst einmal Krieg bedeutet. Es sind wohl die Zusammensetzung und die Ziele der Millionen von Hauptprotagonisten des Werkes 2003 und später, die über die Entwicklung der Welt als Ganzes entscheiden und auch in Zukunft entscheiden werden.

Jan Opielka, Politikwissenschaft und Anglistik

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Zuletzt aktualisiert: 2003-07-09 16:51