Tradition völkischen Denkens in Deutschland und die Entstehung des ,deutschen Volkes’

TEIL I der zweiteleiligen Dokumentation

Nimmt man Definitionen zum Volksbegriff in Augenschein, fallen Bestimmungskategorien wie „gemeinsames kulturelles Erbe“, „Gefühl innerer Zusammengehörigkeit“ und „historische Schicksals- und Lebensgemeinschaft“ in den Blick. Oft erst im zweiten Atemzug kommt der viel konkretere Begriff des „Staatsvolkes“ ins Spiel, um dann aber gleich wieder mit dem eher abstrakten Hinweis auf die Relevanz eines „Gefühls innerer Zusammengehörigkeit“ relativiert zu werden. Angesichts dieser doch recht unscharfen Bestimmung stellt sich durchaus die Frage nach der Evidenz des Volksbegriffs.

Im Folgenden soll nun geklärt werden, was dran ist, am „Volk“, und vor allem am „deutschen Volk“. Gibt es ein „deutsches Volk“,oder zumindest eine Vorstellung davon? Und wenn ja, wie sieht das „deutsche Volk“ aus und wie konnte es sich entwickeln? Tatsächlich muss man gar nicht weit in die Vergangenheit zurückblicken, um zu erkennen, dass es bis vor 200 Jahren noch kein „deutsches Volk“ als ein geschlossenes und sich selbst bewußtes Kollekiv gegeben hat. Wie nun aus diesem „Vakuum“ doch eine Vorstellung von einem „deutschen Volk“ hervorgehen konnte, steht im Zentrum dieses Textes. Dabei wird hervorgehoben, welchen Einfluss die Französische Revolution auf Deutschland als damals noch heillos zerpflücktes Vielstaatengebilde ausübte und wie im Anschluß daran erste Kollektivierungsversuche seitens des preußischen Königs als Reaktion auf Napoleons Belagerung nicht nur auf fruchtbaren Boden der damaligen Eliten, sondern auch auf positive Resonanz bei den Adepten der Romantik stieß. Dabei kommt - neben den Publizisten Moritz Arndt, Joseph Görres und Adam Müller (Anfang des 19. Jahrhunderts keine unbekannten Persönlichkeiten) - auch Johann Gottlieb Fichte zu Wort, der mit seinem Idealismus entscheidende Impulse für die Konstitution des „deutschen Volkes“ gegeben hat.

Alle Zitate sind im Wesentlichen dem Buch „Das deutsche Volk und seine Feinde“ von Lutz Hoffmann (1994) entnommen. Der hier vorliegende Text wurde als Referatsbeitrag für das Politikseminar „Volk - Ethnie - Rasse - Geschlecht. Konstruktion kollektiver Identitäten“ unter der Leitung von Gerd Wiegel in Wintersemester 2002 / 2003 erarbeitet und wird nun im Rahmen dieser Publikation in zwei Teilen veröffentlicht. Auf Fußnoten wie auch auf zwei nicht ganz unwichtige Kapitel wurde an dieser Stelle wegen Platzmangels verzichtet. Daher empfiehlt sich bei näherem Interesse, eine Lektüre des Originaltextes. Hoffmanns Text ist lebendig geschrieben und läßt sämtliche Zitate ungeschminkt zur Wirkung kommen.

Deutschland als Vielstaatengebilde

Tatsächlich gab es unter den Deutschen bis zum Ausgang des 18. Jahrhunderts noch keine „kollektive Identität“, die möglicherweise die Vorstellung von einem „deutschen Volk“ genährt haben könnte. Nach dem 30-jährigen Krieg war Deutschland ein Vielstaatengebilde, das zwar staatsrechtlich an die Reichsverfassung des „Heiligen Römischen Reiches deutscher Nationen“ gebunden war, aber dennoch als zusammenhängender Staatskörper kaum Handlungsfähigkeit besaß. Die Macht gehörte den Landesfürsten, die bedingt durch den „Westfälischen Frieden“ von 1648 fast die volle Souveränität über ihre Gebiete erlangt hatten. Es existierten neben 83 freien Reichsstädten rund 2000, zum Teil winzige, geistlich oder weltlich orientierte Territorialstaaten. Viele Fürsten unterhielten eigene Söldnerheere, praktizierten eine eigene Wirtschaftspolitik und trieben dabei unzählige Bauern in eine lebenslange Erbuntertänigkeit. Die meisten Menschen waren Analphabeten, der Aberglaube grassierte, Armut war allgegenwärtig. So präsentierte sich Deutschland - wie 1780 der Schriftsteller Christoph Martin Wieland schrieb - als ein „vielköpfiges Aggregat von einer großen Anzahl ganz verschiedener Völker und Staaten [...] - durch nichts als diese Staatsverfassung und eine gemeinschaftliche, wiewohl nicht durchgängig angenommene Schriftsprache verbunden; sonst durch alles Andere, Religion, Regierung, Staatswirtschaft, Polizei, Sitten und Gebräuche, Lage, Verhältnisse und Interessen, Mundarten, Grade der Kultur usw. zum Teil himmelweit verschieden, getrennt und in Kollision gehalten.
“ Deshalb konnten zu dieser Zeit „die Deutschen nie als ein Volk denken und handeln.“

Die Französische Revolution und Napoleons Besatzungspolitik als Motor zur Bildung des „deutschen Volkes“:

Erste Reaktionen in Deutschland

Die Französische Revolution führte einen neuen Volksbegriff in die politische Praxis ein. Nicht mehr der Monarch, sondern der Wille des „Volkes“ begründete nunmehr die politische Einheit. Abbé Sieyès, einer der wichtigen revolutionären Vordenker, sagte 1789: „Der Plan [...] ist ganz einfach. Wir legen uns nur drei Fragen vor: 1. Was ist der Dritte Stand? Alles! 2. Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts! 3. Was verlangt er zu werden? Etwas. [...] Der Dritte Stand ist eine vollständige Nation [...]. Und alles, was nicht der Dritte Stand ist, kann sich nicht als einen Bestandteil der Nation ansehen“. Dadurch, dass Sieyès einen Teil der Bevölkerung, nämlich den Dritten Stand, für das Ganze erklärte, schaffte er ein Volk, das mit der zusätzlichen Festlegung der „Allgemeinen Menschen- und Bürgerrechte“ von 1789 sowie der 1791 installierten Verfassung, plötzlich mit politischer Macht ausgestattet war. Ein „politisches Volk“ war entstanden.

In Deutschland, wo weder ein politisches Bewußtsein noch ein Volksbegriff entwickelt waren, stiftete die Revolution zunächst Verwirrung. Erst nach der Eroberung weiter Teile Deutschlands durch Napoleon, der Auflösung des Deutschen Reiches 1806 und den erlittenen Niederlagen im Zuge der drei gegen Napoleon geführten Koalitionskriege konstituierte sich aus Protest an der Belagerung durch die Franzosen die integrierende Vorstellung eines „deutschen Volkes“. Besonders in Preußen veranlasste damals der König eine geistige Erneuerung als Ausgleich materieller Verluste. Er hatte erkannt, dass die Stärke der Franzosen vor allem auf der Identifizierung mit ihrer Nation beruhte. So mobilisierte er seine intellektuelle Elite, unter anderem Freiherr von Stein, Hardenberg, Scharnhorst und Humboldt, und veranlasste tiefgreifende Reformen in den Bereichen Verwaltung, Militär und Bildung. Damit sollten der Gemeingeist wachgerüttelt und aus bloßen Untertanen verantwortungsbewusste Staatsbürger gemacht werden. Ziel war es, mit einem derart erstarkten „Staatsvolk“ die Vorherrschaft Napoleons abzuschütteln.

So hatte Gerhard Johann David von Scharnhorst schon 1798 konstatiert: „Wir werden erst siegen können, wenn wir gelernt haben, so wie die Jakobiner den Gemeingeist zu wecken, [...] wenn man mit derselben Tatkraft und Rücksichtslosigkeit alle Hilfsquellen der Nation mobil machen wird, ihre Leiber, ihr Vermögen, ihren Erfindungsgeist, ihre Hingabe zu dem Heimatboden und nicht zuletzt die Liebe zu den Ideen.“ Nur wenige Jahre später ergänzte von Stein: „Nur indem man den Geist der Nationen aufreizt und in Gärung bringt, kann man es dahin bringen, alle ihre moralischen und physischen Kräfte zu entwickeln.“

Ernst Moritz Arndts völkische Volkskonstruktion

Im Zuge dessen entwickelte Ernst Moritz Arndt 1813 gemäß Scharnhorsts Ideen das Programm der „Landwehr“. Mit ihm sollte „ein ganzes Volk“ unter Waffen gesetzt und ein „Volkskrieg“ gegen Napoleon geführt werden. Nach Arndts Theorie sollte zuerst das erlebte Gefühl von Elend nicht mehr nur auf Napoleon allein, sondern auf das ganze „französische Volk“ übertragen werden. Nur mit Hilfe dieser emotionalen Polarisierung gegenüber dem schon bestehenden französischen Volk versprach sich Arndt die Herausbildung eines „deutschen Volkes“. Zudem versuchte er das bis dahin nur vereinzelt und isoliert erlebte Gefühl von Leid und Unterdrückung in Richtung eines kollektiv empfundenen Hasses zu lenken. Dieser Hass musste nur noch mit der Vorstellung der Existenz eines „deutschen Volkes“ verknüpft werden, um eine gemeinsam empfundene Identität zu generieren. Damit dieser Hass nun auch zu einem dauerhaften „Volkshass“ erwachsen konnte, musste Arndt die einmalig kollektiv erlebte Initialdemütigung um die Vorstellung einer permanent empfundenen Bedrohung durch die Franzosen bzw. durch andere Völker erweitern.

Dieses Bedrohungspotential gründete bei Arndt in erster Linie auf der Konstruktion von Unterschieden zwischen den „Völkern“. Sie dienten dem „Volkshass“ als Kristallisationspunkt für seine Legitimität und Beständigkeit. Ohne diese Unterschiede konnte es nach Arndt kein Gefühl der Bedrohung geben. Erst, wenn sich der „Volkshass“ in den als bedrohlich empfundenen Unterschieden spiegeln konnte, hatten sich die Menschen die Verschiedenheit als bewussten Kollektivbesitz angeeignet. Nun endlich konnte gemäß Arndts Vorstellungen ein „stolzer und edler Hass“ kultiviert werden, der „das Verschiedene und Ungleiche trennt“ und für immer „getrennt hält“. Denn so wie auch die Natur voller Verschiedenheit sei, so habe Gott sie „auch unter den Menschen gewollt“. Deshalb stifte er immer wieder „Abneigungen, ja Feindschaften unter den Völkern“.

Damit hatte Arndt eine Theorie entworfen, die das „deutsche Volk“ durch feindliche Bedrohung nicht nur infrage stellt, sondern durch diese Infragestellung überhaupt erst denkbar macht. Natürlich eliminiert Arndt mit dieser „Volkshass“-Konstruktion sämtliche Bezüge zur Aufklärung. All das, was die Franzosen zur Zeit der Koalitionskriege als Volk schon waren, nämlich politisch eigenverantwortlich, durften die Deutschen nun nicht mehr sein. Es ging ja um die Generierung von Unterschieden. Interessant hierbei ist, dass Arndts bloße Beschränkung auf von Gott gewollte Unterschiede eine inhaltliche Auseinandersetzung mit dem Volksbegriff grundsätzlich überflüssig macht. Es ist sogar zu vermuten, dass Arndt beim Versuch, eine veritable und „deutsche“ Gegenposition zu kreieren, in arge Erklärungsnöte geraten wäre. Tatsächlich gab es nichts, was 1807 das „deutsche Volk“ hätte verbinden können - außer vielleicht die kollektiv erlebte Demütigung durch Napoleons Belagerung. So bleibt bei Arndt nur das Bedrohungsszenario relevant, das sich durch die Existenz anderer Völker ergibt - wie sie auch immer geartet sind. Arndts Volkskonstruktion weist hier schon deutlich einen völkischen Zug auf.

Die Militarisierung Preußens

Zur Verbreitung dieser Ideen griff vom Stein vor allem auf jene Schriftsteller zurück, die entgegen jeder humanistischen Ideale einen eher rigiden und nationalistischen Weg bei der Generierung eines grenzüberschreitenden Patriotismus eingeschlagen hatten. Es bildete sich ein konspirativer Kreis um Fichte, Schleiermacher, Heinrich von Kleist u.a., die eine Flut von Schriften, teilweise illegal hergestellt, unter die Menschen brachte. Ebenso spielte die zunehmende Militarisierung der Bevölkerung durch den Aufbau der Landwehr sowie des Volkssturms im Zuge der Befreiungskriege 1813 und 1814 eine Rolle. Obwohl Preußen unter Napoleon ein nur 42.000 Mann starkes Heer unterhalten durfte, bildete Scharnhorst weit mehr waffenfähige Soldaten aus. In Zuge dieser Ausbildung wurde den Männern klar gemacht, „wie sie ein viel besseres Volk sind als die Franzosen. Und also nicht leiden dürfen, dass diese ihre Herren bleiben.“ Jeder dagegen, „der mit seinem Volke nicht Glück und Unglück, Not und Tod teilen will, ist nicht wert, dass er unter ihm lebe, und muss als ein Bube oder Weichling aus ihm ausgestoßen oder vertilgt werden“.

Dennoch: Die Konstituierung eines „deutschen Volkes“ allein durch militärpolitische Maßnahmen, wie sie Ernst Moritz Arndt vorgesehen hatte, hätte wahrscheinlich für eine weitreichende Verbreitung eines „Gemeingeistes“ innerhalb der großen Masse der Bevölkerung nicht genügt. So geht Lutz Hoffmann davon aus, dass auch die Romantiker mit ihren Kategorien einen weiteren wichtigen Beitrag zur Generierung eines geschlossenen, deutschen Volkskörpers lieferten.

Doch dazu mehr im zweiten Teil.

Teil II in der nächsten Ausgabe

Boris Naumann

Teil 2

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Zuletzt aktualisiert: 2003-11-27 3:14