Weil man in der Welt nicht nur aus einem Land kommen darf

Mein einzigartiges Abenteuer mit den Vereinten Nationen

Es war Mitte Oktober 2002, ich saß in einem politikwissenschaftlichen Seminar, als ich von einem interessanten Projekt erfuhr: „National Model United Nations“ – ein Programm für Studierende aus der ganzen Welt unter dem Schirm der Vereinten Nationen, die in New York UNO-Konferenzen nachspielen. Wie spannend und gleichzeitig unerreichbar es sich anhörte! Auf dem kleinen, fast winzigen Plakat, das ich später gesehen habe, stand: "I hear, I forget. I see, I forget. I do, I remember" – ein chinesisches Sprichwort, Motto der NMUN. Das konnte ich mir nicht entgehen lassen! Ich habe die Bewerbung im Blitztempo fertig gestellt – klar, wie immer, alles im letzten Moment (sic!) - dann an einem Auswahlgespräch teilgenommen und schließlich voller Aufregung auf eine Antwort-E-Mail gewartet. Nach einer Woche stand schon eine Plenary Session auf dem Plan und wir 18 Studierende hatten gar keine Ahnung, was uns eigentlich erwartet.

Professor Dr. Wilfried von Bredow war unser sogenannter Faculty Advisor. Alles ging sehr schnell. Bald hatten wir schon die erste Simulation hinter uns, sehr rasch hatten wir die Regeln der UNO-Tagesordnung kennen gelernt, unseren ersten „realen“ Konflikt simuliert und uns um die Teilnahme an HamMUN in Hamburg und NMUN in New York beworben.

HamMUN – der erste „Diplomatenstress“

Jeder von uns musste ein Land vertreten. Ich saß als Repräsentantin der Volksrepublik China im General Assembly Plenary. Dort stand die Reform des Sicherheitsrates als erstes Thema auf der Agenda an. Zu dem Zeitpunkt hatte ich, damals Studentin im zweiten Semester der Politikwissenschaft, sehr wenig Ahnung von der UNO. In HamMUN habe ich also quasi eine Art „Crash-Kurs“ durchgemacht: Auf einmal musste ich nicht nur wissen, worum es bei der Reform überhaupt geht, sondern auch über die Position Chinas Bescheid wissen.

An HamMUN haben über 200 Studierende teilgenommen. Eine hochdiplomatische, formale Stimmung herrschte tagsüber in der Session, an gemeinsam verbrachten Abenden war sie aber im großen Ganzen wesentlich lockerer. Es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, erste „motions“ auf den Flur zu bringen, erste Reden (mit Gänsehaut!) zu halten und mit dem Rest der P5 als Koalition abzustimmen. Innerhalb von diesen vier Tagen bin ich fast eine echte chinesische Diplomatin geworden, die die Position ihres Landes durchsetzen wollte und damit konfrontiert war, dass während der Verhandlungen nicht unbedingt viele Länder das Thema so gesehen haben, wie es China gerne gehabt hätte. Das war ja eine harte Nuss ... Leider mit dem Endeffekt, dass der von den P5 vorgeschlagene Resolutionsentwurf auch nur die Unterstützung von den P5 bekam – tja, nicht wirklich ein Erfolg. Das nennt man aber wohl einen “Lernprozess“, oder?

Conflict Diamonds im Zentrum von Marburg – unser LahnMUN

Bei der Marburger Simulation waren wir alle schon viel sicherer, was den Ablauf der Verhandlungen anging. Diesmal hatte ich Angola zu vertreten, und der Erfolg des Resolutionsentwurfs war unschlagbar. Aber in einer Simulation geht es nicht nur darum, eine Resolution zu verabschieden. Klar ist dies ein Ziel, ebenso wichtig ist jedoch auch die Entwicklung und der Gewinn der Fähigkeiten, mit den Menschen diplomatisch zu debattieren und die internationalen Beziehungen außerhalb der Uni kennen zu lernen. LahnMUN war für unsere Delegation eine sehr an New York orientierte Simulation: ein afrikanisches Thema, das unser Wissen über den Kontinent zu verbessern hatte. Schließlich wussten wir schon seit fast zwei Monaten, dass wir an der Hauptkonferenz in New York Mosambik vertreten würden.

Mosambik – das Kennen lernen unseres Landes

Als wir erfahren haben, welches Land wir in den USA vertreten würden, war Afrika für die meisten von uns fast ein weißer Felck auf der Weltkarte, ein Kontinent, über das man zwar schon ab und zu etwas gehört, mit dem man sich aber nie richtig näher bekannt gemacht hatte. Wir haben also mit einer mehrstufigen Vorbereitung begonnen.

Jeder von uns musste zwei Präsentationen vorbereiten, einmal zu einem mosambikanischen und einmal zu einem afrikanischen Thema. Welche Konflikte gibt es da? Wie sieht das Problem der Migration aus? Wie ist es mit dem Gesundheitswesen? Welche Glaubensgemeinschaften findet man in Afrika und in Mosambik? Wie sieht eigentlich die Wirtschaft aus? Welche Länder sind für Mosambik von Bedeutung? Wie hat sich das Land historisch entwickelt? Das waren nur einige Fragen, anhand deren wir versuchten, unser Land zu verstehen. Um die Mosambikaner kennen zu lernen, haben wir sogar einen in Deutschland lebenden Mosambikaner gefunden, ihn nach Marburg eingeladen und ihm stundenlang zugehört. Gleichzeitig wurden wir in zwölf Komitees eingeteilt – in so vielen ist nämlich Mosambik bei der UNO und jeder von uns musste sich auch mit den eigenen Themen der „provisional agenda“ auseinandersetzen. Die Themen umfassten wieder unterschiedliche Bereiche der internationalen Beziehungen: von der internationalen Geldwäsche durch den Umweltschutz bis hin zu den modernen Technologien: Wir haben in die inhaltliche Vorbereitung so viel Arbeit hineingesteckt, dass wir uns danach, schon nach NY, tierisch über den "Outstanding Position Paper Award" gefreut haben!

Der andere Teil der Vorbereitung war die Suche nach den Förderern, die uns das ganze Abenteuer zumindest mitfinanzieren würden. Es hat funktioniert: einzelne Stiftungen, Privatpersonen, das Auswärtige Amt – viele haben den Wert dieser Erfahrung gesehen und es teilweise mitfinanziert.

New York, New York – Mosambik lässt sich erkennen

Endlich war es so weit: zwei Wochen in New York standen vor uns. In Deutschland hatten wir schon Frühling, in New York schneite es! Wir sind in New York eine Woche vor der Konferenz angekommen, um uns die Stadt anzuschauen. Nach einer Zeit vieler Museen- und Jazzclub-Besuche zogen wir ins Hilton Hotel ein. Mit speziell für den Anlass vorbereiteten Visitenkarten und Flyern haben wir angefangen, in Session voll dabei zu sein. Von 8.30 bis 23.00 Uhr haben wir erfolgreich verhandelt, Resolutionen gesponsert und dabei die amerikanische Mentalität kennen gelernt. Die Vorbereitung, die Monate gedauert hatte, hat sich gelohnt - sowohl sprachlich, als auch inhaltlich. Als eine der zwei „head delegates“ unserer Delegation habe ich täglich an zusätzlichen Treffen bis 24 Uhr teilgenommen, anschließend ein Delegationstreffen besucht und ab 0.30 Uhr das Nachtleben genossen. Dies alles, obwohl man nach der Simulation fix und fertig war – aber auch glücklich. Wie schafft man das? Naja, wenn man mitten in Manhattan wohnt, im UNO-Gebäude mit abstimmt - das ist ein einmaliges Gefühl!

Das Ende des Anfangs

Das NMUN-Projekt ist für uns zwar eigentlich mit der Konferenz in New York zu Ende gegangen, das Interesse an den internationalen Beziehungen, an der UNO und an Afrika sind aber für die Mehrheit, wenn nicht für alle von uns geblieben. Jedes Mal, wenn ich etwas darüber höre, höre ich irgendwie automatisch aufmerksamer zu. Als Delegation sind wir fast eine Familie geworden – schließlich hat man miteinander so viele Tage und Nächte verbracht.

Ich denke nicht, dass mein Interesse für die UNO irgendwann nachlassen wird. Es ist ein Abenteuer fürs Leben geworden – dank der Leute, die ich dabei kennen gelernt habe, dank der Menge von Arbeit, die ich geleistet habe, dank der UNO-Studiengruppen, die ich besucht habe. Es gibt kein Ende des Abenteuers mit der UNO für mich, da ich ein Verständnis für die anderen Teile der Welt entwickelt habe. Es hat sich einfach gelohnt, mitzumachen, um jetzt einfach auszusteigen.

Anita Anna Matus, Politikwissenschaft

Die Seiten der Marburger NMUN-Delegation mit einer umfangreichen Link-Sammlung zu dem Thema:
www.nmun-marburg.de
Druckversion zum Seitenanfang


Zuletzt aktualisiert: 2003-07-09 16:44