Von Schokodaumen und sterbenden Nervenzellen

„Ganz von Anfang an dabei sein“ – das will Birgit Liss. Die 32-Jährige ist seit Februar dieses Jahres Juniorprofessorin am Institut für Normale und Pathologische Physiologie der Philipps-Universität Marburg und Leiterin der neuen Arbeitsgruppe „Molekulare Neurobiologie“. Bereits im Vorjahr wurde sie von der Frauenzeitschrift „Freundin“ (Burda-Verlag) und „Neutogena“ (Johnson & Johnson) zur „Frau des Jahres 2002“ gekürt – eine Auszeichnung, die für die promovierte Biochemikerin und Molekularbiologin eine „Wahnsinnsehre“ ist und auch noch mit 15.000 Euro belohnt wurde.

Der Weg zur Molekularbiologin

Begonnen hat die wissenschaftliche Karriere von Birgit Liss in Schafflund, einem kleinen Ort bei Flensburg, wo sie mit zwei älteren Geschwistern und „Näpfli“, dem roten Blutkörperchen“, aufwuchs: „Das Näpfli-Buch mit den Abenteuern des kleinen roten Blutkörperchens war ein Werbegeschenk einer Krankenkasse und hat mich sofort in seinen Bann gezogen.“ Verschlungen hat Birgit Liss auch das Medizinlexikon ihrer Mutter, das sie sich immer wieder aus der Anrichte stibitzte und in dem sie als Gegenleistung für das neu erworbene Wissen Eselohren und Schokodaumen hinterließ.

Auch in der Schule war Birgit Liss von der Biologie fasziniert – insbesondere von der Biologie des Kleinen, der Molekularbiologie. Was lag nun näher, als nach dem Abitur den einmal betretenen Pfad weiterzuverfolgen? Als 1990 in Hamburg der erste Jahrgang für den neuen Diplomstudiengang „Biochemie/Molekularbiologie“ zusammengestellt wurde, war die zukünftige Neuronenforscherin voller Pioniergeist mit von der Partie: „Ich hatte das Glück, einen der gerade einmal 16 Plätze zu ergattern“ für ein Studienfach mit genau den Schwerpunkten, die sie besonders interessierten. Was machte es da schon, dass keiner so genau wusste, wie das nächste Semester aussehen würde? „Alles war neu - für uns ebenso wie für die Profs, die uns alle beim Namen kannten.“

Finanziert hat Birgit Liss ihr Studium wie so viele andere Studierende auch durch BaföG und Jobben – ob Babysitten, Nachhilfe oder als Verkäuferin bei McDonalds. Derweil lebte sie in einer winzigen Sozialwohnung, denn „Hamburg ist ein teures Pflaster“. Doch das Studium hatte bei ihr Vorrang: Neben ihrem Hauptfach Biochemie/Molekularbiologie wählte sie das Schwerpunktfach Gentechnik und das Nebenfach Neurobiologie, in dem sie auch ihre Diplomarbeit anfertigte und mit der Note sehr gut für ihre Arbeit belohnt wurde.

Bereits in der Doktorarbeit am Zentrum für Molekulare Neurobiologie in Hamburg bei Dr. Jochen Röper, der heute ihr Kollege am Physiologie-Institut in Marburg ist, beschäftigte sie sich mit den abster`???A ?Bebenden Nervenzellen bei der Parkinson-Krankheit. Im Frühjahr 1999 schloss sie ihre Doktorarbeit mit Summa cum Laude ab und folgte dem Lockruf der Ferne nach Oxford. „Ich dachte mir, wenn ich nicht jetzt ins Ausland gehe, wann dann?“ fragte sich die frisch promovierte Wissenschaftlerin und machte sich ans Koffer-Packen.

Der Weg ins Ausland und zurück

In England wurde Birgit Liss eine Fünf-Jahres-Stelle angeboten, die sie bald durch einem Stipendium ersetzte, denn „mit einem Stipendium ist man einfach unabhängiger.“ Man könne mehr sein eigener Chef sein, bekomme weniger Druck, da man eigenes Geld mitbringe, erzählt Birgit Liss. „Man kann daher viel eher selbst bestimmen, welche Experimente man machen möchte, und dadurch lernt man frühzeitig, selbstständig zu arbeiten und sich zu organisieren.“ 2001 bewarb sie sich auf ein Nachwuchsgruppenstipendium. „Solche Stipendium sind hoch begehrt – man bekommt seine Forschung inklusive eigener Stellen und Laborausstattung für vier Jahre finanziert und man hat keine Lehrverpflichtung. Eine großartige Möglichkeit also, eine unabhängige Forschungsgruppe aufzubauen.“

Doch dann fing in Deutschland die Welle der Juniorprofessuren (JP) an zu rollen und die junge Parkinson-Forscherin zögerte nicht lange, mit aufzuspringen: „Ich wollte schon gerne nach Deutschland zurück, aber nicht um den Preis eines Rückschritts in der wissenschaftlichen Karriere.“ Zunächst hörte sie nicht viel Positives über die „JP“, doch das generelle Konzept gefiel ihr und so bewarb sie sich um die ersten JP-Stellen, die im Bereich Neurowissenschaften ausgeschrieben wurden.

„Viele haben mir von der JP abgeraten. Immerhin ist das Konzept ganz neu und daher nicht ohne Risiko. Aber ich wollte wenn, dann gleich von Anfang an dabei sein“, schildert Liss. Zudem sieht sie wie bereits in ihren Studium auch einen entscheidenden Vorteil darin, zu den Ersten zu gehören: „Alle sind besonders motiviert, und wollen, dass das Modell funktioniert!“ Ihre Bewerbungen in Marburg und Berlin waren erfolgreich. Die Entscheidung für Marburg machte Birgit Liss ganz von den Rahmen-Bedingungen für die jeweilige Stelle abhängig.

Juniorprofessur in Marburg – ein „führendes Konzept“

Was macht das kleine Universitätsstädtchen Marburg attraktiver als die pulsierende Hauptstadt Berlin? Mehrere Punkte kamen hier zusammen. Für die so genannte Einzel-Zell-Genexpressions-Analyse, welche Birgit Liss für ihre Untersuchungen von Neuronen verwendet, ist eine teure Grundausstattung notwendig – und Berlin muss mittlerweile massive Einsparungen auch im Universitätsbereich vornehmen. Darüber hinaus konnte Berlin auch keine gesicherte Zukunftsperspektive bieten. In Marburg hingegen wurde das Unmögliche möglich gemacht: „Alle haben sich bemüht, die entsprechenden Gelder zu beschaffen und mir den Start hier so angenehm wie möglich zu machen“, gibt sich Birgit Liss begeistert.

Hinzu kam, dass Universitäts-Präsident Professor Horst Franz Kern die Wissenschaftlerin mit seinem „bundesweit führenden Konzept zur JP“ beeindruckte: Denn die Bundesregierung hat mit der Idee der JP einen Rahmen geschaffen, den die Universitäten nun umsetzen müssen. Doch solange das Hochschulrahmengesetz noch nicht Landesrecht ist, bleibt das „Wie“ den Unis selbst vorbehalten. Während anderorts befristete Assistentenverträge vergeben werden, bekommen die Marburger Juniorprofessoren C2-Stellen; in Birgit Liss’ Fall sogar eine so genannte „Tenure-Track Stelle“. „Tenure-Track“ bedeutet, dass die Juniorprofessorin, die nach einem bestimmten Zeitraum evaluiert wird, bei „Bestandener Prüfung“ garantiert in ein Professoren-Verhältnis auf Lebenszeit übernommen wird. „Im Ausland sind solche Stellen ganz normal, immerhin muss sich die Universität genau anschauen können, mit wem sie sich „auf unbefristete Zeit einlassen möchte. Und umgekehrt hangelt man sich als Forscher nicht mehr von einer Stelle zu nächsten, mit der Hoffnung nach der Habilitation vielleicht einmal eine feste Stelle zu bekommen – oder aber eben nicht“, erzählt die Juniorprofessorin.

Juniorprofessur und Habilitation ?!

Stichwort Habilitation: „Nein, Habilitieren werde ich nicht“, besteht Birgit Liss und begründet: „Wenn wir ersten JPs jetzt schon anfangen, uns für alle Fälle zu habilitieren, dann schneiden wir uns doch letztendlich ins eigene Fleisch. Ich kann natürlich nicht für die Geisteswissenschaftler sprechen, da hat die Habilitation heute noch einen viel höheren Stellenwert.“

Birgit Liss hofft, dass es für sie auch nach der Evaluation in Marburg weitergehen wird – sofern „die Studis meine Lehre nicht voll daneben finden oder meine wissenschaftliche Arbeit den Bach runter geht“. In der Lehre engagiert sie sich bereits zusammen mit Klinikern aus der Neurologie im Rahmen des Medizin-Kurses „Klinik für Vorkliniker“, in dem sie den Studierenden die Biochemischen und molekularbiologischen Grundlagen der Parkinsonkrankheit nahe bringt. Das Ziel der Veranstaltung ist, verständlich zu machen, weshalb im Medizinstudium die naturwissenschaftlichen Grundlagen so wichtig sind. Auch an einem anderen Studiengang des Fachbereichs Medizin, dem Diplomstudiengang Humanbiologie, beteiligt sie sich an der Ausbildung der Studierenden, die sich weniger mit der Behandlung von Krankheiten als vielmehr mit ihren theoretischen Grundlagen beschäftigt.

Sterbende Neuronen – die Arbeit der Parkinsonforscherin

Was ihre Forschung angeht, wird sich Professor Birgit Liss in Marburg weiter mit der Neurobiologie der Parkinson-Krankheit befassen – genauer gesagt mit einer Gruppe von Nervenzellen, die den Botenstoff Dopamin produzieren und im Krankheitsverlauf absterben. Der Untergang dieser Nervenzellen ist die Ursache der Parkinson-Symptome. Einige dieser „dopaminergen Zellen“ können im Verlaufe der Parkinson-Krankheit überleben. Birgit Liss hat es sich zur Aufgabe gemacht herauszufinden, wieso diese Zellen überleben und worin sich überlebende und absterbende dopaminerge Zellen unterscheiden. Diese Unterschiede könnten dann Ansatzpunkte für die Entwicklung von neuen Therapien bieten. Für diese Forschung bedient Liss sich einer schwierigen Technik, der Einzel-Zell-Genexpressions-Analyse, die weltweit nur von wenigen Forschern beherrscht wird: Hierzu wird aus einer einzelnen Nervenzelle die Zellflüssigkeit entnommen und auf so genannte „messenger RNA“ untersucht. Diese Botenmoleküle sind Kopien von Genen, welche aus dem Zellkern zu den Protein-Produktionsstätten der Zelle geschafft werden. Die Zusammensetzung dieser Molekülgruppe spiegelt wieder, welche Gene in einer Zelle angeschaltet, das heißt aktiv sind, und welche nicht. Die jeweils in den sterbenden und überlebenden Zellen unterschiedlichen angeschalteten Gene geben uns einen Hinweis darauf, warum die Zellen empfindlich oder unempfindlich für das Absterben während der Parkinsonkrankheit sind und wie man den sterbenden Nervenzellen helfen könnte, zu überleben.

Der Start in Marburg: Die Arbeitsgruppe „Molekulare Neurobiologie“

Mit dem Pariser Postdoc Dr. David Godreau geht Birgit Liss in Marburg an den Start. Bald wird sie zudem von einer technischen Assistentin und zwei Doktoranden unterstützt Noch stehen einzelne Baumaßnahmen in den komplett renovierten Laborräumen in der Physiologie gleich gegenüber der Elisabeth-Kirche an. Doch „die Herren vom Staatsbauamt sind unwahrscheinlich hilfsbereit und auch der Uni-Präsident und die Professoren hier am Fachbereich sind eine unglaubliche Unterstützung“, So kann es wohl schon bald weitergehen kann mit der Untersuchung „ihrer Neuronen“. Als Vorbild dient ihr Weg und ihr zielstrebiges Auftreten sicherlich einer Reihe von Studentinnen am Fachbereich, denn noch immer sind Frauen in höheren Positionen auch in der Forschung unterpräsentiert. Fest steht, dass sich die Studierenden auf eine ordentliche Brise frischen Wind freuen freuen können, den die junge Wissenschaftlerin aus Oxford mitgebracht hat.

Anja Scholzen, Humanbiologie

Kurzportät mit Bild auf den Seiten des University Laboratory of Physiology der Oxford University:
http://www.physiol.ox.ac.uk/~bl2/Birgit/
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Zuletzt aktualisiert: 2003-07-09 16:42