Was Nordkorea und Marburg gemein haben

„Bitte bewahren Sie Ruhe!“ Dieser geistreiche Satz war die erste Reaktion auf das Brandschutz-Debakel der Marburger Universitätsbibliothek. In dicken schwarzen Lettern prangt er auf eingeschweißten Verhaltensregeln für den Brandfall, die dutzendfach in den UB-Räumen montiert worden sind. Als sich Monika Lerp kaum bewusst die Notfall-Tipps im engen Fahrstuhl durchliest, kann sie ein leicht ironisch gefärbtes Lächeln nicht unterdrücken. Der abgewetzte Bücherwagen vor ihren Füßen raubt jede Menge Platz im Lift, der sie in den achten Stock des Magazins bringt. „Wie soll man hier bei einem Brand rechtzeitig hinauskommen?“ könnte man fragen, doch so etwas fragt niemand. Die UB. Jeder „Studi“ kennt und nutzt den silbern schimmernden Koloss, jene Verwirklichung aller architektonischen Träume der sechziger Jahre. Uni.schaft-Reporter auf Rundgang im chronisch unterfinanzierten Wissenstempel.

Am Anfang war der Klick

Wer die Webseite der UB besucht und via OPAC ein Buch bestellt, ahnt nicht, wie viele Menschen und Geräte den imaginären Weg von der Bestellung bis zur Buch-Werdung begleiten. Dann sollte jedes Buch zur Abholung bereit liegen. Der DOS-basierte Nadeldrucker im achten Stock des UB-Magazins rattert und rattert. Einige Theologen haben Bücher bestellt. Doch es dauert noch einige Minuten, bis jemand kommt, der sie aus den kilometerlangen Buchregalen sortiert – Magazin-Chef Günther Hallenberger muss mit zwei Kollegen alle neun Magazinetagen bedienen. „Normalerweise sollten es acht sein“, erzählt er, „aber manchmal sind wir nur zu zweit.“ Da können die „Magaziner“ die Füße in die Hand nehmen – ein Zeitansatz von 30 Minuten von der Bestellung bis zur Abholung sollte stets eingehalten werden. Nur wenn die Bücher in einem der beiden Ausweichmagazine aufbewahrt werden, kann es länger dauern.

Es kann durchaus vorkommen, dass Bücher einmal unauffindbar sind – sei es durch einen Schreibfehler auf dem Etikett, eine aktuelle Reparatur oder einen Fehler bei der Einstellung des Buches. Gerade letzterer Grund bereitete den „Magazinern“ Kopfschmerzen. Monika Lerp erzählt: „Die Öffnung der Magazine für die Professoren war keine so gute Idee.“ Viel Unordnung habe es gegeben, als die „Profs“ ihre Bücher selbst heraussuchten. Was geschieht, wenn ein Buch verschwunden ist? Einsatz für die „Clearing-Stelle“. Mit detektivischem Instinkt, Erfahrung und Fleiß machen sich die Mitarbeiter auf die Suche nach dem Leseschinken. Stimmt die Signatur? Ist es ein altes Buch? Befindet es sich in Reparatur? Ist es dick oder dünn? „Bei Juristen und Theologen fehlen immer die meisten Bücher“, plaudert Monika Lerp aus dem Nähkästchen.

Im Regelfall wird das Buch ohne größere Probleme gefunden – es muss nur noch den Weg nach unten in die Leihstelle finden. Also ab damit in die Lorenbahn – wenn sie denn gerade funktioniert. Ob die häufigen Defekte allerdings in direktem Zusammenhang mit der Tatsache stehen, dass laut Monika Lerp eine ähnliche Bahn auch in der Nationalbibliothek von Nordkorea steht, konnte uni.schaft aufgrund der überaus spärlichen empirischen Datenmenge nicht abschließend in Erfahrung bringen. Technische Probleme mit Bahnen aller Art ist man aber nun mal gewöhnt, und so werden die Bücher einfach ohne viel Murren per Fahrstuhl ins Erdgeschoss befördert.

In der Leihstelle wird zunächst überprüft, ob das Buch bereits mit einem Barcode versehen ist. Falls nicht, wird anhand der Signatur ein solcher erstellt und eingeklebt. Anschließend wird es in das entsprechende Regal gelegt – entweder in eines der seitlichen Regale für die Fachbereiche, oder in die uns wohlbekannten Regale hinter der Theke für die private Ausleihe. Nun liegt es am Bibliotheksbenutzer, den skizzierten Weg mittels Abholung zu komplettieren.

„Nieder mit den Schreibmaschinen!“

Einen Sonderfall in Sachen Buchbestellung ist die Fernleihe. Bücher, die nicht in der Marburger UB vorhanden sind, kann man selbstständig im Hessischen Verbundkatalog bestellen, wenn man ein Fernleihkonto eingerichtet hat. „Bei Altbeständen verschicken wir viele Bücher an andere Universitäten“, erzählt Monika Lerp. Im Zweiten Weltkrieg sei Marburger anders als Kassel, Frankfurt oder Gießen vom Bombenhagel verschont geblieben. Und zu Preußen-Zeiten habe man sehr viele Bücher angeschafft – im Unterschied zu den letzten Jahrzehnten. Darum werden viele aktuelle Bücher über Fernleihe von anderen Universitäten bezogen. „Nieder mit den Schreibmaschinen!“ lautet gerade die Devise in der Fernleihe. Bislang hat man Bestellformulare mit viel Kraft selbst tippen müssen (O-Ton Lerp: „Das hat oft zu leichten Verletzungen geführt“), jetzt wurde endlich ein Online-Bestellformular entwickelt.

Die UB muss mal wieder kräftig sparen. Der aktuelle Haushaltsstopp zwingt auch die Bibliothekare zum Kürzertreten, was seit Jahren nichts Neues ist. „Wir bemühen uns dass die Studenten die permanente Unterfinanzierung nicht zu spüren bekommen“, erklärt Monika Lerp und spricht von einem „Rundum-Sorglos-Paket“, das mit Anfang März dieses Jahres mit dem Marburger UB-Schnelllieferdienst (MAUS) komplettiert wurde. Aufsätze aus Büchern oder Zeitschriften können für vier Euro online bestellt werden. Als besonderen Service wird die Recherche nach dem Standort des betreffenden Aufsatzes hierbei direkt vom MAUS-Team übernommen. Die Abrechnung für die Bestellung wird über das Fernleihkonto des Benutzers vorgenommen. Seit März wurden etwa 300 Aufsätze kopiert und – wahlweise – per E-Mail oder Post zugestellt.

Auch im Bereich der Benachrichtigungen und Mahnungen an die Benutzer wird seit längerem überlegt, den herkömmlichen Postweg optional durch Emails zu ersetzen. Dies würde den strapazierten Haushalt der UB durch die Reduzierung der Portogebühren deutlich entlasten, doch wird zurzeit noch geprüft, wie die Rechtslage aussieht, wenn Mahnungen ausschließlich elektronisch versandt werden.

Verborgene Schätze

Man ahnt nicht, welche Schätze im UB-Tempel schlummern. Im Lesesaal befindet sich das große „Universal-Lexicon“ von Johann Heinrich Zedler aus dem 18. Jahrhundert im Originaldruck. Viele weitere Raritäten werden im klimatisierten Sondermagazin aufbewahrt. Die niedrige Temperatur und eine kontrollierte Luftfeuchtigkeit konservieren die kostbaren Werke. Das unumstrittene Highlight der Sammlung ist das Stundenbuch Heinrichs des Löwen, das die UB-Mitarbeiter gern als „Sparkassenbuch“ bezeichnen. Geschätzter Wert: 32 Millionen Euro. Und da soll man nicht auf falsche Gedanken kommen…

Gunnar Fischer und Florian Willershausen, beide Studenten der Politikwissenschaft

UB in Zahlen

Homepage der Universitätsbibliothek Marburg
MArburger UB-Schnelllieferdienst - der Komfortlieferdienst der UB Marburg (MAUS)

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Zuletzt aktualisiert: 2003-10-24 17:58